Arbeitsmarkt. Die Angst um den Arbeitsplatz erfasst die ÖVP-Kernwählerschicht. Unter den AMS-Kunden befinden sich auch zunehmend sogenannte "Status-Verlierer". Im August waren mehr als 219.000 Leute arbeitslos gemeldet.
WIEN. Karl Fakler erinnert sich an einen Fall, als ihn ein Arbeitsloser vor den Volksanwalt zerren wollte. Weil sich das AMS "erdreistet" hatte, ihm einen Job anzubieten, bei dem er lediglich 2000 Euro im Monat verdient. "Der Mann hatte eine 4500 Euro-Gage, bevor er arbeitslos wurde", erzählt Fakler, Chef des Arbeitsmarktservice (AMS) Niederösterreich.
"Status-Verlierer" nennen seine Mitarbeiter jene Klienten, die vom Spitzen-Job in die Arbeitslosigkeit stürzen. "Solche Leute sind gefürchtet. Sie blocken alle Hilfestellungen ab und wollen die Wirklichkeit vorerst nicht wahrhaben", erzählen AMS-Betreuer.
Am Freitag veröffentlichte das Wirtschaftsministerium die Arbeitslosenzahlen für August. War im Juli von Rekord-Arbeitslosigkeit die Rede, so stieg die Zahl der Beschäftigungslosen im August um weitere vier Prozent. 219.277 Arbeitslose wurden im August gezählt. 8382 Personen mehr als im Juli, 12.563 mehr als im August 2004. Im Jahresvergleich bedeutet dies einen Anstieg um 6,1 Prozent.
So dramatisch sich die Zahlen lesen, es sind Zahlen. Die soziale Sprengkraft liegt in den Einzelschicksalen. Diese gibt es nicht mehr nur in der klassischen Arbeiterschicht, bei den Hilfsarbeitern, berichtet AMS-Experte Fakler.
Die Angst um den Job habe die ÖVP-Kernwählerschicht erfasst. Bank-Manager, die nach einer Fusion um den Job zittern. Uni-Absolventen, die mit schlecht bezahlten Werkverträgen abgespeist werden. "Die Arbeitslosigkeit hält Einzug in die Salons", sagt Fakler.
August 2005: Die Arbeitslosigkeit steigt in allen Bundesländern. Um 15,1 Prozent in Vorarlberg, um 2,2 Prozent in Wien. Da interessiert sich kaum jemand dafür, dass die Zahl der Beschäftigten um ein Prozent steigt. Ein Prozent liest sich neben 6,1 Prozent höhere Arbeitslosigkeit mickrig. Aber ein Prozent von 3,3 Mill. unselbstständig Beschäftigten sind 33.000 Jobs, die seit August 2004 in Österreich unterm Strich neu geschaffen wurden. Es waren zu wenige.
Im Wirtschaftsministerium sucht man nach Ursachen: Die verhaltene konjunkturelle Entwicklung wird angeführt. Tourismus und Handel erweisen sich aus Sicht der ÖVP als "Job-Killer-Branchen". Im Fremdenverkehr gibt es um 8,5 Prozent mehr Menschen ohne Job. Und natürlich bleiben die Arbeitskräfte aus Deutschland nicht unerwähnt, die den Österreichern die Jobs streitig machen.
Die steigende Arbeitslosigkeit führt zu einem Umdenken in der Bevölkerung, berichten Meinungsforscher. Erachteten in den achtziger Jahren vier von zehn Österreicher Arbeitslosigkeit als "Schande", so ist heute einer von zehn Befragten dieser Meinung.
"In jeder Familie gibt es mittlerweile Arbeitslosigkeit", sagt Fakler und kramt Statistiken hervor. "Weniger als acht Prozent der Beschäftigten sind nach fünf Jahren noch bei der selben Firma. Jeder Sechste wird einmal im Jahr arbeitslos."
Viele Junge finden keinen Job. Unter ihnen stieg die Arbeitslosigkeit um 12,4 Prozent im Jahresvergleich. 10.916 junge Menschen (plus 22,7 Prozent) waren im August auf der Suche nach einer Lehrstelle. Doch es gab nur 3.182 (plus 8,7 Prozent) offene Stellen.
Zumindest bei den Langzeitarbeitslosen gibt es eine Verbesserung. Im August waren 10.516 Menschen mehr als ein Jahr arbeitslos. Das sind um 46,6 Prozent weniger als vor einem Jahr.