Island: Geysire und Jungbrunnen

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Das gallische Dorf der Beautyindustrie liegt in Island. Dort wächst in einem Glashaus Gerste mit hautverjüngenden Proteinketten.

Wiewohl reich an aparten Formen, ist die isländische Landschaft nicht gerade mit einem Übermaß an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche gesegnet. Das erschließt sich dem Besucher schon bei der Fahrt vom Flughafen Keflavik in das circa 40 Kilometer entfernte Reykjavik: Von Moos bewachsene Vulkansteinfelder, so weit das Auge blickt, erinnern zwar entfernt an eine Landschaft aus Brokkoli, der agrarische Nutzbarkeitsgrad geht aber gegen Null. (Der Vollständigkeit halber: Nur etwa ein Prozent der Fläche Islands ist bestellbares Ackerland.) Und doch gibt es „heimische“ Tomaten, Gurken, Paprika, ja Schnittblumen zu kaufen. Angebaut werden die freilich durchwegs in Glashäusern, die mit geothermischer Energie betrieben werden. Und auf die die Isländer so stolz sind, dass sie dort sogar einen Zwischenstopp bei Tagestouren zu brodelnden Geysiren und tobenden Wasserfällen einlegen. Über die Eignung von Tomatenstauden als touristische Sehenswürdigkeit lässt sich streiten. Nicht aber darüber, wie lieb und teuer den Isländern ihre Glashäuser sind.

Kosmetik der Zukunft? So ist es nur passend, dass auch der Besuch bei einer isländischen Hightech-Hautpflegemarke, die gerade international für Aufsehen sorgt, nicht ohne die Visite in einem Glashaus auskommt. In der von „Sif Cosmetics“ betriebenen Anlage wird allerdings nicht irgendwelches Gemüse kultiviert; hier wächst genmanipulierte oder nennen wir sie „optimierte“ Gerste. Sie ist Trägermedium eines Proteins, das als „epidermischer Wachstumsfaktor“ (auf Englisch: Epidermic Growth Factor, abgekürzt als EGF) auf Hautzellen einwirken und so für ein verbessertes Erscheinungsbild der oberen Hautschichten sorgen soll. „Das biotechnologische Prinzip ähnelt jenem der Regenerativmedizin – und das ist die Medizin der Zukunft“, betont Björn Örvar, CEO von „Sif Cosmetics“ und deren Mutterfirma „ORF Genetics“.

Zwar gebe es bereits kosmetische Produkte am Markt, die die als Zellaktivatoren angepriesenen Wachstumsfaktoren beinhalten. Björn Örvar betont aber den pflanzlichen Ursprung: „Der Ursprung der Wachstumsfaktoren ist entscheidend. Wenn sie von menschlicher Haut produziert werden, ist das kaum an die Konsumenten kommunizierbar. Wenn sie aus Bakterien stammen, werden zugleich Toxine produziert. Darum haben wir uns für den Weg einer pflanzenbasierten Herstellung entschieden.“ Um dies zu ermöglichen, werden in den Labors der Biotech-Spezialisten jene menschlichen Proteinketten in Gerstensamen eingebracht, die dann von dem eiweißreichen Getreide multipliziert werden. Später werden die produktivsten Saatreihen bestimmt und für spätere Ernten zurückbehalten. In ihrer Abwicklung würden sich die Laborprozesse bei „Sif Cosmetics“ nicht von den Standards der Biotechnologiebranche unterscheiden, unterstreicht Örvar: „Wir sind eine Biotech-Firma, die auch in der Kosmetikindustrie  tätig geworden ist – keine Kosmetikfirma, die für eines ihrer Produkte biotechnologische Erkenntnisse nützt.“

Breitenwirksam. Die hohen Ansprüche von Örvar und seinen Forscherkollegen von „ORF Genetics“ gaben den Ausschlag dafür, ihr Patent nicht an einen der internationalen Konzerne zu veräußern, die Interesse zeigten. Sie beschlossen, ein – um es mit Asterix zu sagen – gallisches Dorf der Widerständischen aufzubauen. „Es ist entscheidend, die richtige Formel für eine Trägersubstanz zu finden. Wenn die Labors eines Konzerns das vermasselt hätten, wäre das Produkt zum Scheitern verurteilt gewesen und bald vom Markt verschwunden“, sagt Örvar.

Forschergeist. Björn Örvar leitet „Sif Cosmetics“, wo man die Bioeffect-Produktlinie herstellt – etwa das EGF Serum (15 ml um 135 Euro, in Österreich exklusiv bei Nägele und Strubell).
Forschergeist. Björn Örvar leitet „Sif Cosmetics“, wo man die Bioeffect-Produktlinie herstellt – etwa das EGF Serum (15 ml um 135 Euro, in Österreich exklusiv bei Nägele und Strubell).(c) Beigestellt


Der Erfolg am isländischen Markt und erste Reaktionen der internationalen Fachpresse geben dieser Entscheidung recht. Es heißt, dass bereits dreißig Prozent der über 30-jährigen Isländerinnen die Bioeffect-Produkte verwenden würden, allen voran die charismatische Präsidentengattin. „Selbst in Island kaufen die Menschen aber ein Produkt nicht nur deshalb, weil es aus Island stammt“, unterstreicht Örvar (vgl. „Beverly Hills des Nordens“ für einen Schwenk auf die Modebranche) und fährt fort: „Zugleich ist die Insel ein ideales Testfeld. Aber natürlich expandieren isländische Firmen so rasch als möglich ins Ausland, weil der Heimatmarkt einfach zu klein ist.“ Ob die Erfolgsquoten der Bioeffect-Produkte, von Serum über Intensivkur bis zur neu lancierten Körperpflege, sich in Übersee wiederholen lassen, wird die Zukunft weisen. 

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