Von Zyklopen über Piraten bis zu Bin Laden: (Böse) Einäugige

Der getötete Terrorist Osama bin Laden war auf einem Auge blind, das verlockt zur Deutung – psychologisch und mythologisch.

Der erste Schuss auf Osama bin Laden riss ein Auge heraus und hinterließ ein klaffendes Loch in seinem Gesicht, erzählt US-Navy Seal Matt Bissonnette in seinem Buch „No Easy Day“. Bin Laden war aber bereits davor einäugig. Das geht aus einem Video mit Bin Ladens Nachfolger, Aiman az-Zawahiri, hervor, das auf einer radikal-islamistischen Website veröffentlicht worden ist. „Für alle, die es noch nicht wissen“, erzählt er, dass Bin Laden seit einem Unfall in der Jugend auf dem rechten Auge blind war.

Wie werden künftige Deuter dieses physiognomische Detail bewerten – etwa psychologisch? Man weiß, wie viel seelischen Schaden körperliche Makel anrichten können. Über einen berühmten Einäugigen, den Dichter Oswald von Wolkenstein, sagt der Grazer Germanist Wernfried Hofmeister, dass er sehr an seiner Behinderung gelitten und sich auch deswegen zum aggressiven Aufsteigertyp entwickelt hat.

Der medizinische Fortschritt hat die Einäugigen bei uns fast verschwinden lassen, man erinnert sich an sie höchstens metaphorisch – wenn man von einem Menschen spricht, der „auf einem Auge blind ist“. Mythologisch hat die Einäugigkeit aber eine lange Deutungstradition, vor allem als Attribut des Bösen. Sie reicht von den einäugigen Riesen in der Antike, den Zyklopen, bis in die Kinderliteratur. So steht der Meister in Otfried Preußlers „Krabat“ mit dem Teufel im Bund und trägt Augenklappe.

Die Erfindung der Zyklopen könnte sich naturgeschichtlich erklären lassen, meinen Forscher. Im Pleistozän lebten Elefanten im Mittelmeerraum. Schädelfunde könnten die Menschen dazu gebracht haben, sich einäugige Riesen vorzustellen. Denn der Elefantenschädel hat zirka auf der Höhe, auf der beim Menschen die Augen sind, ein Loch für den Rüssel.

Piraten stellt man sich gemeinhin einäugig vor. Tatsächlich waren viele Seeleute auf einem Auge blind, weil sie vor Erfindung des Sextanten mit dem sogenannten Jakobsstab die Sonne anpeilten. Freilich trugen auch friedlich gesinnte Seefahrer gern eine Augenklappe – über einem gesunden Auge. Sie mussten sich ständig zwischen Deck und Schiffsinneren bewegen, in dem es dunkel war, ein abgedecktes Auge konnte sich schneller an die Dunkelheit gewöhnen. Die Klappen dienten auch zu Trainingszwecken, um nachts besser sehen zu können.

Am besten hätte Osama bin Laden vielleicht die Assoziation zur göttlichen Einäugigkeit gefallen. Als Identifikationsangebot bietet sich hier der nordische Kriegs- und Totengott Odin ebenso an wie das allwissende Auge des christlichen Gottes. Letzteres ist Gott sei Dank ein christliches Bild, das im Islam nicht existiert – wer weiß, was sich Bin Ladens Anhänger sonst noch alles zusammengereimt hätten.

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)

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