Familienbetriebe: Die Bedrohung der BIP-Macher

Sie machen 80 Prozent aller heimischen Unternehmen aus und haben sich der Nachhaltigkeit verschrieben. Doch die Zahl familieninterner Übernahmen sinkt.

Heini Lietz fühlt sich sicher. Julian Riess ist hoffnungsvoll. Ersterer hat gemeinsam mit seinem Bruder Christian die 1949 von seinem Vater als Taxibetrieb und Landmaschinenhandel gegründete Firma in Ybbsitz zum 65-Mio.-Euro-Umsatz-Vorzeigeunternehmen ausgebaut: An neun Standorten beschäftigt es 230 Mitarbeiter, verkaufte heuer 200 neue und 1800 gebrauchte Autos und an die 1000 Fahrräder. Zwei Söhne von Heini Lietz arbeiten bereits mehrere Jahre in Schlüsselpositionen für das Familienunternehmen, laut ihrem Vater mit dem nötigen „Hirn, Herz und Verstand“, um die Geschicke demnächst zu übernehmen. „Und der 34- und der 37-Jährige klopfen auch bereits an“, so ihr Vater.

Prinzip Nachhaltigkeit

„Wir denken in Generationen“, steht auf der Website der Riess Kelomat GmbH, die ökologische, ökonomische sowie soziale Ziele im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklung in Einklang bringen will. Julian Riess leitet in neunter Generation gemeinsam mit einem Cousin und einer Cousine die Geschicke des Herstellers von Markenprodukten für Haus, Küche und Tischkultur. Alle drei sind 50 plus und haben sich als Ultimo zum Abdanken den 70er gesetzt. Julian Riess erstgeborene Tochter, eine Grafikdesign-Studentin, hat nach einem Auslandssemester in China Gefallen an der boomenden Wirtschaft gefunden. Was Riess hoffen lässt, dass sie sich vielleicht später in das Familienunternehmen einbringen wird.

Das 1845 in Wien gegründete Traditionsunternehmen Bakalowits, das repräsentative maßgefertigte Beleuchtung herstellt und 85 Prozent seiner Produktion in alle Welt exportiert, wird in sechster Generation von Friedl Bakalowits geführt. Auch er muss sich keine Sorgen über die Nachfolge machen, Sohn und Tochter sind längst ebenso kompetente wie engagierte Mitarbeiter.

 Noch erfolgen 60 Prozent der Betriebsübernahmen in Österreich innerhalb der Familie. Die Tendenz sinkt aber laut einer Studie der KMU-Forschung Austria.
Wo ein Plan B zur familieninternen Nachfolge fehlt, kommt es im schlimmsten Fall zum Innovations- und Investitionsstopp, in der Folge zum rapiden Wertverlust des Unternehmens und nach dem Tod oder Rückzug des letzten Patrons zur Firmenschließung.

Was nach Einzelschicksal klingt, hat volkswirtschaftlich große Bedeutung: Mehr als 80 Prozent aller österreichischen Firmen sind Familienunternehmen. Sie sind Arbeitgeber von zwei Dritteln aller hier Beschäftigten, und sie erwirtschaften knapp die Hälfte des BIP. „Ihrer Bedeutung als Rückgrat der österreichischen Volkswirtschaft wird weniger Beachtung geschenkt als großen multinationalen Konzernen“, kritisiert Patricia Tomek, die eine dramatisch steigende Sterberate oft 100-jähriger Traditionsbetriebe beobachtet. Wogegen sie aktiv als neue „Stimme der Familienunternehmen“ ankämpfen will.

 Periodisch erforscht die engagierte Hotelière, die sich in vierter Generation im 1900 von den Urgroßeltern gegründeten nunmehrigen Hotel Schwalbe engagiert, die Stimmung in den Familienbetrieben. Und erfragt dabei, mit welchen Herausforderungen diese aktuell zu kämpfen haben, was sie zur Aufgabe zwingt, warum es für junge Menschen unattraktiv geworden ist, Chef des elterlichen Betriebs zu werden und sie lieber als Angestellte in Großkonzernen anheuern.

Tomek: „Die Gründe zum Aufgeben sind mannigfaltig. Ein Malerbetrieb mit vier Autos etwa muss allein jährlich für vier Parkpickerln à 1200 Euro insgesamt 4800 Euro zahlen. Kleine Handelsbetriebe in der Innenstadt bringt die sukzessive Anhebung einstiger Friedenskronenzinse auf reales zeitgenössisches Niveau um, und so manches Gasthaus kapituliert vor den mit immer astronomischeren Investitionssummen verbundenen Betriebsgenehmigungsauflagen.“ Und was letztlich von Betroffenen schamhaft verschwiegen werde, sei das unternehmerische „working poor“. „Manchen bleibt nach einer 100-Stunden-Woche gerade genug zum Überleben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)

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