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Großes Ego, freche Schnauze, klare Kante

(c) AP (Jose Luis Magana)
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Als Manager der Finanzkrise hat sich Peer Steinbrück auch bei Gegnern Respekt verschafft. Als Wahlkämpfer war er bisher wenig erfolgreich.

Berlin/Gau. Mittwoch, im Presseraum der SPD-Fraktion: Peer Steinbrück steht knapp vor seiner Kanzlerkandidatur. Er stellt sein Konzept zur Regulierung der Finanzmärkte vor. Jeder andere hätte daraus eine Charmeoffensive gemacht. Der 65-Jährige mit dem bulligen Gesicht aber grantelt, grummelt, sprüht vor Angriffslust.

Flapsig, ja grob kontert der Sozialdemokrat die Fragen der Journalisten. Ob er eine Kanzlerkandidatur ausschließt? Er kann es nicht mehr hören! „Dann schreiben Sie wieder, Steinbrück schließt nicht aus, dass er Hundefutter isst.“

Ob er die Deutsche Bank zerschlagen will? Was für ein Unsinn da geschrieben wird! „Aber ich kann Sie nicht daran hindern, wir sind ja nicht in Nordkorea.“

Die Kollegen lachen und fühlen sich wohl. So ist er eben, der Steinbrück: blitzgescheit, eloquent, zynisch. Wo der Hanseate auftritt, weht die steife Brise der klaren Gedanken und kühlen Worte, durchmischt mit dem kumpelhaften Humor des Fußballfans. Ein echtes Gegenmodell zur vorsichtigen, diplomatischen Kanzlerin: Hier sagt einer, was Sache ist, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch wenn ihn die Österreicher dann nicht mehr mögen, weil er, nur des Bankgeheimnisses wegen, Wien mit Ouagadougou vergleicht.

Der Sohn aus gehobenem Hause war eine Niete in der Schule, flott beim Studium der Ökonomie und zäh beim Weg durch die Parteiinstanzen. Als Ministerpräsident seiner Wahlheimat Nordrhein-Westfalen erlebte er 2005 seine schwärzeste Stunde: eine historische Niederlage, die auch das Ende von Rot-Grün im Bund heraufbeschwor. Merkel gab ihm in der Großen Koalition eine neue Chance, die er gut nutzte.

Zwar wollte Steinbrück bis zuletzt nicht wahrhaben, dass die Finanzkrise vor Deutschland nicht haltmachte. Aber als sie einmal da war, navigierte er so sicher auf Sicht, dass die deutsche Wirtschaft schon bald in einen ruhigen Hafen einlief. Seither respektieren Freund und Feind den Querkopf als Finanzpolitiker. Doch die nächste SPD-Wahlschlappe warf ihn auf die Position des Abgeordneten zurück. Schachmatt, hätte der leidenschaftliche Schachspieler seufzen können. Aber der verheiratete Vater dreier Kinder kassierte üppige Honorare als Gastredner und wartete auf eine neue Partie. Gestern machte er den ersten Zug. Sein Ziel: die Dame zu schlagen. Er hat nichts zu verlieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)