Schnellauswahl

Libero: Haftstrafe für Chef von Berlusconi-Blatt

(c) AP (PLINIO LEPRI)
  • Drucken

Die Zeitung „Libero“ unterstellte einem Richter, eine Abtreibung „angeordnet“ zu haben. Der damalige Chefredakteur soll ins Gefängnis und lässt sich als „Held der Meinungsfreiheit“ feiern.

Rom . Die Geschichte, die hier erzählt werden muss, ist erbärmlich. Sie beginnt 2007 in Mailand mit dem körperlichen und seelischen Zusammenbruch einer Dreizehnjährigen. Es stellt sich heraus: Valentina, die von einem 15-Jährigen schwanger war, hat zuvor abgetrieben und die Situation nicht mehr verkraftet. Kurz darauf erscheint in der Tageszeitung „Libero“ ein Kommentar, der selbst für das berüchtigte Blatt aus Silvio Berlusconis Medienbereich unerhört wüst ausfällt. Ein „Dreyfus“ – der Autor schreibt nicht einmal unter seinem richtigen Namen – schlägt auf Valentinas Adoptiveltern ein und den Richter, der den Abbruch „angeordnet“ habe. Außer der Tatsache der Abtreibung und einer nie geklärten Mitwirkung der Adoptivmutter stimmt an diesem Artikel praktisch nichts. Valentinas geschiedener Adoptivvater wusste von der Sache überhaupt nichts: Er war zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht aufzutreiben. Deswegen hatte ein Mailänder Richter die gesetzlich vorgeschriebene, fehlende Zustimmung des Vaters ersetzt. Auf Antrag der Mutter hatte der Richter „aufgrund der besonderen Situation“ Valentinas und im Einklang mit italienischem Recht die Abtreibung genehmigt.

 

Protest in italienischer Medienlandschaft

„Anordnen“ konnte der Richter eine Abtreibung gar nicht – aber das hat den Autor „Dreyfus“ nicht gekümmert. Er schrieb ja für ein Blatt, das nach Vorbild Berlusconis pausenlos über Italiens „rote“ Richter herzog. Berlusconi bezichtigte diese – ungestraft – gar des Staatsstreichs, und was er selbst, als er Premier war, an weitergehenden Grobheiten nicht sagen konnte, erledigten „Libero“ und das Schwesterblatt „Il Giornale“.

Dass ein Richter jetzt auch noch die Tötung eines unschuldigen, noch nicht einmal geborenen Kindes „angeordnet“ hatte, das war natürlich die nicht mehr überbietbare „Pointe“ dieser Hetzkampagne. Sein Pamphlet schloss „Dreyfus“ mit dem Satz: „Wenn es eine Todesstrafe gäbe, dann müsste sie jetzt angewendet werden. Gegen den Vater, die Mutter, den Arzt, den Richter.“

Der Richter fühlte sich diffamiert. Er verlangte von „Libero“ für die mutwillig verzerrte Darstellung eine Entschuldigung und eine „Entschädigungszahlung zugunsten der Kinderhilfsorganisation Save the Children“. Als „Libero“ nicht reagierte, zog der Richter seinerseits vor Gericht. Nun haben Italiens Höchstrichter den Chefredakteur des „Libero“ von damals, Alessandro Sallusti, zu 14 Monaten Haft verurteilt. Letztinstanzlich. Weil er zugelassen habe, dass so ein Artikel in seinem Blatt stand. Jetzt protestiert Italiens gesamte Presselandschaft gegen die „gerichtliche Unterbindung der journalistischen Meinungsfreiheit“. Alle zusammen, Linke wie Rechte, nehmen Sallusti in Schutz: Dass ein Journalist für einen Text ins Gefängnis müsse, schreibt der gutbürgerliche Mailänder „Corriere della Sera“ ist „ein Tiefpunkt unserer juristischen Zivilisation“. Ein „Skandal“ sei das, ergänzt die linksliberale römische „Repubblica“.

 

Tirade gegen den Staatspräsidenten

Der 55-jährige Sallusti selbst stellt sich – nach Berlusconis Vorbild – als „politisches Opfer der Justiz“ dar. Und dem Staatspräsidenten, den er in den vergangenen Wochen immer wieder zum Objekt journalistischer Tiefschläge gemacht hat (weil's Berlusconi-politisch gerade angesagt war), dem brät er auch jetzt wieder eins über: Giorgio Napolitano, tobt Sallusti, sei niemals „gegen die Grenzüberschreitungen der Justiz“ eingeschritten und trage an diesem „politischen Richterspruch“ „große Mitverantwortung“.

Dass der verurteilte Artikel ein Tiefpunkt des italienischen Journalismus war, dazu bekennt sich Sallusti mit keinem Wort. Kein Satz der Entschuldigung, nicht einmal eine Richtigstellung der Fakten. Das darf „Dreyfus“ dann selbst erledigen: Der Mann, wegen journalistisch vielfach unehrenhaften Verhaltens längst aus dem Berufsverband ausgestoßen, heißt Renato Farina; Berlusconi hat ihn über einen sicheren Listenplatz seiner Partei ins Abgeordnetenhaus gehievt. Dort trat Farina am Donnerstag mit einer „demütigen Entschuldigung“ auf. Das sei für ihn „eine Gewissenspflicht“ sagte Farina – fünf Jahre nach seinem Pamphlet. Jetzt bittet Farina um „Begnadigung“ Sallustis: „Wenn einer zahlen muss, dann ich.“

Sallusti aber will keine Gnade. Er will erhobenen Hauptes ins Gefängnis gehen: als politisch Verfolgter. Als Held der Meinungsfreiheit. Er hat ja erreicht, was er immer schon wollte: dass sich nun endlich alle im Land gegen die „roten Richter“ empören.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)