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Grundlagen der Stammtischforschung

Grundlagen Stammtischforschung
Stammtisch(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Am Stammtisch wird täglich die Welt gerettet. Aber wer rettet den Stammtisch? Er sorgt für Parolen, dafür weniger für Niveau, wie man sagt. Höhenvermessung eines Mobiliars.

Der Moser Karli von drüben, also von der Hauptpost, der hat ein Krügel gehabt mit Goldrand und einem Deckel, auf dem eine Frau war, die dem Mann mit dem Nudelwalker eins übergezogen hat.

Das ist aber schon ein bisserl her, sagt Peter Czaak. Den Moser Karli gibt's nimmer, und der Stammtisch im Wirtshaus Czaak, Postgasse 15, wird immer öfter von Besuchern übernommen, die zwar ein Bier wollen, aber Krügel nicht von Seidl unterscheiden können. Fällt nicht weiter auf, es ist schön laut und dunstig, ein Vorzeigebeisl.

Auch im Traditionsgasthaus Hansy in der Praterstraße übernehmen Touristen allmählich die Tische, auf denen früher Stammgäste einander die Welt erklärt haben. „Zuletzt haben wir immer zu Mittag vier alte Herren dagehabt, die an ihrem Achterl gezuzelt haben. Aber von denen sind drei schon gestorben.“ Wie es früher war? Über die alten Tage kann der Kellner nur mutmaßen. Was feststeht: „Ohne Touristen geht gar nix mehr.“

Es ist halb elf, draußen brummt die Straße, die Gäste sind am Austrinken, zu deuten und diskutieren gibt es offenbar nicht mehr viel an diesem Abend. Der Kellner macht sich ans Saubermachen der Schank: „Ein Putzerl, ein Wischerl, ein Aufräumerl, ein Sonstwas.“

Der Stammtisch lebt, aber er kämpft. Vor allem in der Stadt, in der es für die „Gemütlichkeitsvollzugsanstalt“ (Gerhard Polt) zu zappelig geworden ist. Das Urbane ist ein Milieu, in dem Stammtische grundsätzlich schwerer gedeihen.


Letzter Resopal-Stammtisch. Es gibt die Jours fixes im Landtmann, bei denen man geschäftssinnig Schmäh führt, die Schachspieler und Dübler im Hummel, nach denen man die Atomuhr stellen kann, das Gutruf in der Milchgasse, wo das ganze Lokal ein einziger Stammtisch ist. Und den Reinthaler in der Gluckgasse, aufrechter Verfechter des Resopal-Stammtisches im ersten Bezirk, einer der letzten seiner Art, umzingelt von Networking-Hotspots und Tomaten-Mozzarella-Lounges. Den Ironie-geschwängerten Bobo-Stammtisch im Anzengruber wollten sie live im Internet übertragen, aber man hat dann nichts mehr gehört davon, vielleicht eh kein Schaden.

Besser noch ist es in den Außenbezirken, sofern sich die Wirte gehalten haben, und nicht Chinesen oder Wettcafés geworden sind.


Wie die Feuerwehr. Aber im Grunde fängt der Stammtisch, von Wien aus gesehen, in Purkersdorf an und hört irgendwo in Vorarlberg auf. Er gehört zum Ländlichen wie die Freiwillige Feuerwehr und der Adeg-Markt.

Nicht in Purkersdorf, aber etwas nördlicher in Tulln sind wir auf unserer Suche nach dem intakten Stammtisch gelandet: im „Gasthaus zum Goldenen Schiff“, Downtown Tulln.

„Früher ist man ja nicht zum Essen ins Wirtshaus gegangen“, erklärt Maria Baumgartlinger, die eigentlich schon an ihren Sohn übergeben hat. Eigentlich, weil sie im „Schiff“ trotzdem recht verlässlich anzutreffen ist, weil immer was zu tun ist, „und weil es Spaß macht.“ Ihr Urgroßvater hat das Lokal vor 150 Jahren eröffnet. Auswärts essen – in den alten Tagen undenkbarer Luxus, vorbehalten Leichenschmaus und Hochzeitsfeiern.

Die Männer sind am Freitag nach der Arbeit ins Wirtshaus gegangen, weil der Lohn früher wöchentlich ausbezahlt wurde. „Die Frauen sind dann hereingekommen und haben den Männern das Geld abgenommen.“

Weil in Tulln die einzige Kirche weit und breit war, kamen am Sonntag die Bauern in die Stadt. Ihr Weg führte nach der Messe direkt ins Wirtshaus, bevor es, mit leichter Achsneigung im Gang, zurück zum Hof ging.


Der Doktor, der Pfarrer. So war das früher am Land, aber auch in den Grätzeln der Stadt, als wir noch nicht hypermobil waren. Es hat den Pfarrer gegeben, den Lehrer, den Doktor, und beim Wirt war der Stammtisch. Ein Multiplikationsfaktor: Dort sind die Leute zusammengekommen und haben, was besprochen wurde, in die Familien hinausgetragen.

„Es sind auch Geschäfte gemacht worden am Stammtisch“, sagt Maria Baumgartlinger, die sich in ihrer jahrzehntelangen Amtszeit redlich mühte, die gesellschaftliche Institution Wirtshaus am Leben zu erhalten. „Es ist ein gutes Gefühl für den Wirt, wenn es Stammtische gibt.“

Sie bringen Verlässlichkeit ins Geschäft – und so etwas wie Seele. „Als Gastwirtin hört man sehr viel“, raunt uns Frau Baumgartlinger vertrauensvoll zu, aber sie erzähle selbstverständlich nichts weiter. Nennen wir es das Schankgeheimnis. Die wirklich kuriose Geschichte eines Gastes und seines Ehebruchs, die wir von ihr erfahren, müssen wir an dieser Stelle bedauerlicherweise für uns behalten – Frau Baumgartlinger bittet schön darum, „weil der Gast würde sich bestimmt erkennen!“

Wenn es denn stimmt, dass in der Gastronomie ohnehin kaum am Essen verdient wird, dann stört es auch nicht, dass am Stammtisch zum Trinken traditionell nur geknabbert wird, aber keine Menüs aufgefahren werden, das wäre sozusagen gegen die Etikette. Man hat schon gegessen, wenn man erscheint, oder man hat es noch vor sich – und wird sich dabei selbstredend grob verspäten, soviel zum geschwungenen Nudelwalker.

So gibt es heute im Goldenen Schiff nicht einen, sondern zwei Stammtische, Raucher und Nichtraucher, und wenn es früher undenkbar gewesen wäre, am Stammtisch nicht zu pofeln – der gusseiserne Aschenbecher ist ja nicht umsonst sein Hoheitssymbol – so wären auch Frauenstammtische außerhalb des Vorstellbaren gewesen. Aber die gibt es seit sieben, acht Jahren, weiß Frau Baumgartlinger zu berichten, ebenso wie die Turner, die Kartenrunden, die Chöre. Politisiert wird aber immer und auf jedem Tisch, gestritten eher nur selten. Dabei wären alle Couleurs vertreten, so die Wirtin.

„Wäre ich politischer Mandatar in einer Kleingemeinde, dann würde ich immer schauen, dass ich den Stammtisch aufsuche“, sagt der Wiener Politologe Peter Hajek. „Dort bekomme ich die Stimmungen mit, die vorherrschen, und ich kann dort gleichzeitig auch schon Überzeugungsarbeit leisten.“


Handgemein im Internet.
Es kann natürlich passieren, dass dabei eine Rauferei herausschaut. Die „Überzeugungsarbeit“ eines Vizebürgermeisters im Zuge der Gemeinderatswahl 2009 in Kärnten wurde brisanterweise auf Video festgehalten und machte wochenlang im Internet die Runde.

Politischer Einflussnahme sind am Stammtisch ohnehin natürliche Grenzen gesetzt, wie der deutsche Soziologe Georg Wedemeyer erkannte: „Allzu deutliches Politisieren unter normalen Gästen wird oft von den Diskutanten selbst lächerlich gemacht.“

Politologe Hajek: „Ich glaube schon, das nicht alle politisch einer Meinung sind, das zeichnet den guten Stammtisch aus, an dem wirklich ein Diskurs stattfindet. Es gibt aber auch Stammtische, an denen nur Menschen gleicher Einstellung zusammenfinden.“

Dass Hajek in der Folge auch gleich die Richtung deutet, steht durchaus in Widerspruch zur ernsthaften Stammtischforschung, die eher linke Wurzeln im 18. und 19. Jahrhundert zutage gefördert hat – Hajek: „Ich behaupte, dass der Stammtisch tendenziell rechts orientiert ist. Nicht rechtsextrem, sondern konservativ. Ich kenne keine linken Stammtische.“

Im Zweifelsfall regelt das Harmoniebedürfnis, ein wesentlicher Charakterzug des Stammtisches, gröbere Konflikte. Es heißt ja: Stammtischbruder, auch wenn man sich vielleicht nie zu Hause besuchen würde. Untergriffigkeiten kann man jedenfalls anonym im Posting-Forum anbringen, aber nicht, wo man zweimal in der Woche sein Achterl trinken möchte.

Im Grunde will man einer Meinung sein, im Idealfall der eigenen, und wenn das einmal schwierig sein sollte, dann bleibt als kleinster gemeinsamer Nenner immer noch die Geringschätzung für die, die nie mit am Tisch sitzen, weil sie im Fernsehen sind oder im Nationalrat, in den Banken, in Amerika, Brüssel oder Griechenland.

Wo es die Stammtische zerbröselt hat, weil die Dorfwirte zugesperrt haben, weil das Land immer mehr wie die Stadt wird, ist das Tankstellen-Espresso an ihre Stelle getreten. Dort hält man sich aber mehr ans Trinken als ans Reden, oder wendet sich gleich den Spielautomaten zu.

Kluge Menschen erzählen uns, dass allmählich das Internet an die Stelle der Stammtische tritt. Noch suchen aber Neigungsgruppen ihresgleichen, und zwar in Fleisch und Blut. Davon zeugt ein Streifzug eben im Internet, wo sie alle zum Stammtisch rufen: die Taschenfeitelfreunde, die Veganer, der Linzer Sadomaso-Klub, die Aktiven und Ehemaligen, die Gesunden und Kranken, you name it.

Und was ist schon ein Blog? Das ist einer, der allein am Stammtisch sitzt und vor sich hin textet, wie der vierte alte Herr aus dem Gasthaus Hansy, dem die anderen abhandengekommen sind.

die wichtigsten gebote

Du sollst nicht schnorren
Tischbrüder haut man nicht an. Einladen lassen darf man sich schon. Wer aber selbst nie eine Runde ausgibt, fällt auf.

Du sollst nicht völlern
Man knabbert und snackt, lässt aber keine Menüs auffahren. Das stört die Tischhygiene und lenkt von Gesprächen ab.

Du sollst nicht saufen
Der Damenspitz gehört dazu, Verlust der Muttersprache nicht.

Du sollst nicht nerven
Telefone aller Art haben am Tisch nichts verloren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)