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Comedian Harmonists: Der Ohrwurm hat immer Saison

Comedian Harmonists Ohrwurm immer
comedian harmonists(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Das Volkstheater lässt die beliebten, aber auch viel strapazierten Comedian Harmonists wieder aufleben: Trotz mittelmäßig begabter Sänger ein gelungener Abend.

Ein schäbiges Zimmer in Berlin, 1927, ein Arrangeur sucht Künstler für die Gründung einer Band. Ein Kriegsversehrter bietet sich an, ein Transvestit ohne Stimme – und ein Chorsänger. Er bringt Kollegen mit. Doch der Weg zur erfolgreichen Boygroup ist noch weit. Die sechs feschen Herren mühen sich mit dem Gleichklang ab, musikalisch, aber auch psychologisch. Ein Pianist trainiert sie. Schließlich werden sie vom Berliner Varieté-König und Impresario Erik Charell, bei dem auch Marlene Dietrich und Operettenstar Max Hansen auftraten, entdeckt.

Die Comedian Harmonists werden bekannter als das US-Vokalensemble The Revelers – zu Deutsch: Nachtschwärmer – deren Stil sie abgekupfert haben. Nach der Machtergreifung Hitlers gerät die Gruppe unter Druck. Drei ihrer sechs Mitglieder sind Juden. Die Band zerbricht bzw. spaltet sich. Die drei jüdischen Mitglieder gehen in die Emigration...


Bezaubernde Weisen. „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“, „Veronika, der Lenz ist da“, „Ein Freund, ein guter Freund“, „In der Bar zum Krokodil“; die Lieder der Comedian Harmonists sind Evergreens, bis heute populär. Es gibt Wiener und Berliner Comedian Harmonists. Auch Max Raabe, der mit seinem Palastorchester am Donnerstag (4. 10.) im Musikverein zu Gast ist, baute sein Show-Format um die witzigen Nonsense-mit-Sense-Songs der CH.

Deren Renaissance begann mit einer Doku Eberhard Fechners, der 1975 noch mit vier Mitgliedern der Gruppe sprach. Josef Vilsmaier drehte 1997 einen Spielfilm über die CH (u.a. mit Ben Becker): realistisch, perfekt, bieder. Warum also nun schon wieder Comedian Harmonists? Diesmal im Volkstheater. Weil es dessen Direktor Michael Schottenberg nicht ruhen ließ, dass Josefstadt-Chef Herbert Föttinger in den Kammerspielen einen Hit mit „Ladies Night“ landete? Das Stück hat einen verwandten Ansatz: Arbeitslose treten als Stripper auf. Die CH-Nostalgie-Show passt allerdings auch in Schottenbergs VT-Konzept. Er inszenierte gemeinsam mit Marcello de Nardo, der auch den CH-Initiator Harry Frommermann spielt.


Spiel im Spiel. Das Unterfangen ist wagemutig. Von den fünf Protagonisten im VT, der sechste ist der Pianist, kann kaum einer wirklich singen, sodass es unfreiwillig komisch ist, wenn Frommermann den Choristen Biberti (Thomas Kamper) für seine prachtvolle Stimme lobt. Andererseits: Die echten CH waren auch Dilettanten. Die Aufführung überrascht: Theater im Theater wie schon bei „Ladies Night“. Man sieht wie Leute, denen man es kaum zutrauen würde, zu professionellen Künstlern werden, was sehr komisch, aber auch höchst beeindruckend ist.

Zu danken ist die tolle Leistung wohl Patrick Lammer, der auch den bulgarischen Sänger Ari Leschnikoff spielt. Der frühere Mozart-Sängerknabe hatte die musikalische Leitung bei „Tanz durch ein Jahrhundert“ im VT – eine etwas banale Show –, aber auch bei der grandiosen „Fledermaus“.


Zugabe! Fast drei Stunden mit einer Pause dauerte die Premiere am Freitag im VT, die Zeit wurde einem nicht lang, das Publikum verlangte sogar Zugaben. Das hat mit der herrlichen Musik zu tun, aber auch mit dem engagierten Spiel. De Nardo und Schottenberg sorgen für punktgenau stimmiges Tempo und perfekten Ablauf. Die Herren folgen exakt: Patrick O. Beck als Roman Ciycowski, er wurde später in Kalifornien Kantor; zwischen spiritueller jüdischer Musik und jener der CH gibt es entfernte Ähnlichkeiten, beide haben eine gewisse hermetische Aura.

Matthias Mamedoff begeistert einmal mehr – als Erich Collin, der mit Witzen für gute Laune sorgt. Alexander Lutz spielt den Opportunisten Erwin Bootz – und äußerst flott am Klavier. In 13 (!) Minirollen – vom Conférencier bis zum Parteigenossen – schlägt Alexander Lhotzky Kapital aus seiner zunehmend unangefochtenen Stellung als Original. Ein unheimlicher Moment entsteht, als sich auf dem Balkon „Herren aus der NS-Reichsparteizentrale“ erheben und den Abbruch der Vorstellung verlangen. Das Publikum bleibt sitzen, pfeift und protestiert.


Entertainment-Monopolisten. Gibt es nicht schon zu viel handgestrickte leichte Unterhaltung an Wiens Großbühnen? Es gab sie immer. Angesichts kaum erhöhter Subventionen ist es nicht mehr möglich, das Publikum mit dem Bildungsauftrag oder als moralische Anstalt zu fesseln. Immerhin, die Burg hat 440.000, die Josefstadt über 300.000 und das Volkstheater 200.000 Besucher im Jahr. Allerdings könnte man das Quasimonopol auf Entertainment thematisch, stilistisch etwas lockern. In Wien scheinen da vor allem zwei Künstler das Sagen zu haben: der ehemalige Kabarettist Werner Sobotka und der findige Musiker Franz Wittenbrink („Mozart-Werke Ges.m.b.H.“).

Wittenbrink besorgte die musikalische Einrichtung des CH-Buches von Gottfried Greiffenhagen. In der Josefstadt zeigt er im Jänner mit „Der Tod und das Mädchen“ eine weitere Uraufführung seiner Performances zwischen Schauspiel und Musik. Auch im VT steht schon das nächste Amüsement an: Schottenberg inszeniert für Dezember „Im Weißen Rössl“. Mit einer persiflierenden Version der Benatzky-Operette hatte Sobotka vor einigen Jahren in den Kammerspielen einen großen Erfolg. So kopiert wie in den alten Zeiten einer den anderen. Was tut's? Das Publikum liebt dergleichen. Klar, Ohrwürmer haben eben immer Saison.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)