Familienfotos: Was war da los?

Otto Mittmannsgruber hat Bilder namhafter Fotografen des 20. Jahrhunderts verglichen, in denen Familien porträtiert oder auf Schnappschüssen verewigt wurden.

Auf dem Foto der Serie „Living Room, 1991“ von Nick Waplington lachen die Familienmitglieder – vor dem Kaminfeuer –, als Vati der voluminösen Mutti an den Allerwertesten greift. Das ist eines der Beispiele aus der Dissertation von Otto Mittmannsgruber (TU Wien, Architektur, Betreuerin Sabine Plakolm), die dokumentiert, was „Familienfotografie“ im 20. Jahrhundert ausdrücken kann. Über fünfzig Bilder zeitgenössischer Fotografen wurden hier analysiert. „Ich habe beruflich mit Architekturfotografie zu tun: menschenleere Fotos, in denen das Soziale keine Rolle spielt. Das Porträt, die Begegnung mit Menschen, ist eine Herausforderung“, sagt Mittmannsgruber, der in Linz Bildhauerei studiert hat. Seine Arbeit zeigt den Wandel der Familie im 20. Jahrhundert, der durch den Fortschritt der Technik (mobile Kameras dringen in Familien und Wohnräume ein) und die Änderungen der Gesellschaft (Familien werden offener, zugänglicher) deutlich ist. „Bei Fotos von Familien will man wissen: Wie kam das Foto zustande, welches Milieu ist das, was war rundherum los?“, sagt Mittmannsgruber. Das ist bei Landschafts- oder Architekturfotos nebensächlich. Doch sobald Menschen abgelichtet werden, hält der Fotograf „unsichtbare Bande“ (so der Titel der Arbeit) fest: das soziale Geflecht der fotografierten Menschen, die miteinander in Beziehung stehen. Auch die Verbindung zum Fotografen beeinflusst das Bild: Entstammt er selbst der Familie, könnten er von Gefühlen gelenkt werden oder mit der Zurschaustellung seiner Liebsten Tabus brechen. Will der Fotograf künstlerische Distanz wahren und fotografiert fremde Familien, so fehlt ihm oft der Zutritt zur familiären Realität. „Weil das Binnenleben in Familien hochkomplex ist, bleibt die traditionelle Familienfotografie schemenhaft.“ In der Atelierfotografie wird z.B. keine Interaktion abgebildet. „Da das Wesen der Familie die Veränderung ist, gelingt es in der Regel nur seriellen Werken, tiefer in das Innere dieser sozialen Räume zu blicken“, sagt Mittmannsgruber. Er selbst sah auch seinen drei Kindern beim Aufwachsen (und Verändern) zu, als er während der Väterkarenz das 220-Seiten-Werk schrieb. „Das Thema Familie ist für einen bildenden Künstler schwierig: Denn sie hält einen oft davon ab, künstlerisch tätig zu sein. Doch bei diesem Thema ist sowohl aus Sicht der Kunstgeschichte als auch der Soziologie und der Fototheorie noch viel herauszuholen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)

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