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Tempo! Tempo! Für Kafka in "Amerika"

Tempo Tempo Fuer Kafka
(c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz
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Viktor Bodó inszenierte im Schauspielhaus Graz nach dem Romanfragment "Der Verschollene". Die surrealen Bilder entzücken, ermüden aber auch.

Ein Ozeandampfer legt im Schauspielhaus Graz auf der schummrigen Bühne an. Die beschwingte Musik signalisiert: Es ist der Hafen von New York, vor hundert Jahren. Ein Nebelhorn. Schon erkennt man auf dem Oberdeck Figuren, eine Frau staunt über die imaginäre Stadt im Parkett vor sich, kokettiert mit einem jungen Mann, als befänden sie sich im romantischen Film „Titanic“. Der Held aber ist kein Stürmer und Dränger, sondern ein Getriebener: Karl, von den Eltern nach Amerika abgeschoben, als ihm ein Dienstmädchen ein Kind angehängt hat. Jetzt ist dieser Roßmann gelandet, Protagonist in Franz Kafkas 1912 begonnenem Bildungsroman-Fragment, das er „Der Verschollene“, sein Freund Brod nach dem Tod des Autors „Amerika“ nannte.

Lächelnd staunt der von Claudius Körber verkörperte Roßmann. Diese Haltung wird er die nächsten zweieinhalb Stunden zu bewahren suchen, in all den Widrigkeiten, die ihm zustoßen. Scheinwerfer sind auf das blasse Gesicht gerichtet, das selbst in Verzweiflung tapfer Hoffnung ausdrücken will.

Der ungarische Regisseur Viktor Bodó hat mit Körber, Jungstar des Grazer Ensembles, eine ideale Besetzung fürs Kafkaeske gefunden. Wir hoffen und leiden mit ihm, bis sich diese Parabel am Ende mehrdeutig im „Naturtheater von Oklahoma“ auflöst. Dann werden die Musiker samt Klavier an Drahtseilen hochgezogen, sie spielen noch, gut zehn Meter über der Bühne. Nicht nur für dieses Kunststück ist die Combo zu loben, Klaus von Heydenabers Musik prägt die Aufführung.

Die USA als erlösende Idylle? Eher ein Himmelfahrtskommando für Vertriebene. Karl nennt sich schließlich zur Legitimation „Negro“. Eine Spur; Kafka war nie in Amerika, kennt es nur aus einem Reisebericht. Vom Wilden Westen war dort als Bildtext die Rede: „Idyll von Oklahama“ (sic!). Auf dem Foto: das Lynching eines Schwarzen.


Onkels Traum. Bodó setzt in dieser Kooperation seiner Budapester „Szputnyik Shipping Company“ mit Graz völlig auf ein grausames US-Image, er betont die negative Utopie. „Tempo! Tempo!“, lautet das Motto, dazu passt die Ausstattung von Juli Balázs genau. Intensiv wird die Drehbühne zum Evozieren rasch wechselnder Bilder benutzt. Der Dampfer verwandelt sich blitzartig in den Arbeitsraum des Heizers, dem Karl zu seinem Recht verhelfen will.

Große Räume, enge Räume, Käfige. Die beiden kämpfen sich zum Kapitän vor. Von unten tauchen sie auf, werden von den Herrschaften von oben taxiert, bis sich herausstellt, dass Senator Jakob Karls Onkel ist. Diese Rolle ist mit Stefan Suske bestens besetzt. Der Unternehmer ist undurchschaubar, sogar, wenn auf dunkler Bühne im Hintergrund nur sein Gesicht in einem Fensterchen angestrahlt wird. Er scheint den Neffen zu fördern, schon beginnt dessen Aufstieg im System des Kapitals, das als rücksichtslos geschildert wird. Jakob zeigt sein Empire hoch aus der Luft, vom Doppeldecker aus, der hier toll mit einer Windmaschine simuliert wird. Reitstunden, Hauslehrer, reichlich Dinner für Karl, Fließband für die da unten. Die Szene hat sich in eine Halle aus Metall und dunklen Wänden verwandelt. Hier wird verhandelt, gemobbt, geschuftet bis zum Umfallen, sogar die Bühnenarbeiter machen mit.

Da verstößt der Onkel den Buben, fast grundlos. Der angebliche amerikanische Traum wird zum Albtraum. Auf dem Weg nach Ramses nutzen zwielichtige Figuren (Gábor Fábián, Jan Thümer) Karl aus. Er kann nicht einmal seine Stellung als Liftboy halten, wird zum Sklaven für die Sirene Brunelda (Kata Petö). Frauen sind hier oft bedrohlich, nur zum Zimmermädchen (Katharina Paul) im Hotel Occidental kann Karl so etwas wie gewollte Nähe entwickeln. Aber auch diese Idylle erweist sich rasch als trügerisch.

Wie viel Kafka war also zu sehen? Man erhält spektakuläre Ausschnitte, aber beschränkte. Bodó lässt durch die Szenen rasen, er unterliegt dabei surrealen Bilderzwängen. Sie sind manchmal bloß Klischees. Das Tempo ermüdet zuweilen, vor allem, wenn es um den Wahnsinn von Menschen im Hotel geht, wenn die Ausbeutung geradezu pornografisch wird, als wäre man bereits im Babylon von Hollywood. Die Leistung des großen Ensembles aber, mit seinen vielen Mehrfachrollen, ist formidabel. Im jazzigen Trubel gehen einige Passagen allerdings sprachlich unter. „Amerika“ bleibt Fragment.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)