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Burgtheater: Imposante Alpenkönig-Symphonie

Burgtheater Imposante AlpenkoenigSymphonie
Johannes krisch(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Johannes Krisch und Cornelius Obonya verleihen "Alpenkönig und Menschenfeind" neue, wilde gespenstische Dimensionen in einer fantasievollen, sublim bebilderten Inszenierung von Michael Schachermaier.

Blaugrün schillernde Berge, ein üppiger Pelzmantel mit Hirschgeweih liegt da, ein halb nackter Mann steigt aus dem Orchestergraben: Im Burgtheater hatte am Samstag Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“ Premiere – mit Johannes Krisch, der als Astralagus Tierstimmen imitierend sein Repertoire unheimlicher Kerle um neue grandiose Facetten erweitert, und mit Cornelius Obonya als Menschenfeind, der mehr durch virtuos-witziges Spiel packt als durch sein Leiden berührt. Die Aufführung wandelt auf den Spuren von Martin Kušejs albtraumhaften Österreich-Panoramen, ohne diese zu kopieren: Damian Hitz schuf HD-Breitwand-Bilder. Der Hochwald führt ein farbenreiches Eigenleben, groß, bleich geht der Mond auf, Stichflammen züngeln, es stürmt, Nebel brodelt.

Es kräht und zwitschert, die Geräuschkulisse würde einem Dschungel Ehre machen. Eva Jantschitsch („Gustav“) hat die Musik zu diesem bösen Märchen komponiert, Sprechgesang, dissonante Chansons auf Rapbasis, Schlagerparodien, in die Raimunds Liedpoesie nahtlos eingewoben ist. Regina Fritsch stellt sich als gequälte Ehefrau in einem flotten, romantischen Liedchen vor, dass alles wieder besser wird. Doch das Personal streikt angesichts des grässlichen Rappelkopfs an der Spitze des Gesindes: Johann Adam Oest als Habakuk, ein „Gastarbeiter“ aus Deutschland, der den lokalen Dialekt nicht beherrscht und daher vom Kammermädchen, einer koketten Intrigantin auf High Heels (Stefanie Dvorak), kujoniert wird. Liliane Amuat entzückt einmal mehr als Frohsinn, Naivität und Herzenswärme verströmendes Mädchen: Malchen, Rappelkopfs Tochter, hält unbeirrt fest an der rosigen Zukunft mit ihrem Softiemaler (unauffällig, brav: Peter Miklusz).

Zwischen den dunklen Seelenlandschaften, die früher Helmut Wiesner in seiner Gruppe 80 für Raimund entwickelte und Peter Steins realistisch-perfekter Salzburger Version mit Helmuth Lohner, Otto Schenk und dem begnadeten Walter Schmidinger als Habakuk spannt sich die Rezeption des Zauberspiel-Dichters, der Natur und Seele poetisch neu zusammensetzte und früher gern herzig dargeboten wurde, was aber dank toller Darsteller wie Meinrad & Co. auch keineswegs schlecht war. Die neue Burg-Version hat eine interessante These zu bieten: In diesem Stück sind alle besessen. Wie könnte es sonst möglich sein, dass eine jahrelang von einem Irrsinnigen geplagte Familie immer noch darauf besteht, ihren Peiniger zu lieben? Hier sieht man den bekannten Haustyrannen, der Frau, Kinder und Angestellte piesackt und quält, vor allem, wenn er berufliche Probleme hat.

 

Geist und Materie spielen verrückt

Die Frau hält tapfer aus, wegen der Kinder und weil sie vom Gemahl finanziell abhängig ist. Das Geld spielt eine enorme Rolle in dieser Aufführung, was mit Raimund zusammenpasst, denn Rappelkopf rappelt ja nicht nur im Wahn, sondern weil er betrogen wurde und Existenzängste hat. Während am Schluss die Familie dem entschwindenden Alpenkönig hinterherstaunt, wühlt der Hausvater selig in Wechseln und Banknoten. Auch das Personal hält eifrig die Hand auf. Die Leute machen einfach alles, sobald sie eine Münze sehen. Gespenster walten in den Seelen, aber auch in der Materie: Tische fallen nach einem Faustschlag zusammen, Sessel, Spiegel brechen. Im Luxusloft der Rappelkopfs ist alles mobil, brüchig. Bei den Waldmenschen, die der Wüterich aus ihrer Hütte auskauft, geht es ähnlich zu. Blitzartig packen sie ihre Siebensachen, werfen den besoffenen Köhler der Oma auf den Rollstuhl und hauen ab, kurz, schwach klingt ihr „So leb denn wohl, du stilles Haus“. Die armen Leute sind mit den gleichen Schauspielern besetzt wie Rappelkopfs Familie, vor der er floh. Er trifft also „alte Bekannte“, grausig verfremdet, seinem Schicksal kann er nicht entrinnen. Astralagus schlägt ihm wie der Tod im „Jedermann“ aufs Herz, erschreckt ihn mit verblichenen Gattinnen und schließt mit dem Geschwächten einen Teufelspakt wie im „Faust“...

An der Sprache könnte noch gefeilt werden, es gibt einige Leerläufe, manches wirkt trotz furiosen Spiels unfertig. Es soll Spannungen zwischen Schachermaier und dem Ensemble gegeben haben, Burg-Chef Matthias Hartmann sprang ein, sein Humor scheint zeitweise durchzuschimmern. Die Burg dementiert. Schachermaier hielt sich beim Schlussapplaus am Rande. Egal, das Burgtheater hat einen tollen Raimund auf die Bühne gebracht, originell, trotzdem stimmig, jung, eine der Größe, den Ressourcen des Hauses gerecht werdende „Riesenkiste“, gestemmt von souveränen Schauspielern. Das Publikum jubelte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2012)