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Der lange Kampf um Gerechtigkeit nach Wiener Kurdenmorden

(c) APA (ROBERT JAEGER)
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Auf der Gedenktafel für den 1989 getöteten Kurdenführer Ghassemlou werden die Täter verschwiegen. Ata Nassiri will, dass sich das ändert. Anschlag zählt zu den aufsehenerregendsten Politmorden in Österreich.

Wien/W.s. Er war nach Wien gekommen, um zu verhandeln, doch der Kurdenführer ging in eine Falle. Abdul Rahman Ghassemlou, Präsident der Demokratischen Partei Kurdistan – Iran, hatte im dritten Gemeindebezirk in einer Wohnung in der Linken Bahngasse 5 mit Vertretern des iranischen Regimes Geheimgespräche über ein Ende des kurdischen Aufstandes geführt. Und dort schlug das Killerkommando zu. Ghassemlou und zwei seiner Mitstreiter starben im Kugelhagel. Der Anschlag am 13. Juli 1989 zählt zu den aufsehenerregendsten Politmorden in Österreichs jüngerer Geschichte. Denn rasch schien klar: Die Attentäter waren von Teheran ausgesandt worden. Und Österreichs Behörden ließen sie auf iranischen Druck ausreisen.

„Das soll an das erinnern, was damals geschehen ist“, sagt Ata Nassiri und deutet auf die 1,2 Meter hohe, schwarze Tafel, die an einer Ziegelmauer angebracht ist. „Hier wurden am 13. Juli 1989 die beiden führenden Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistan – Iran Dr. Abdul Rahman Ghassemlou und Abdullah Ghaderi-Azar sowie Fadel Rasoul im Kampf um Freiheit und Menschenrechte für das kurdische Volk durch iranische Terroristen ermordet“, ist dort eingraviert. Nassiri hatte lange für die Gedenktafel gekämpft. „Ich wusste, dass das nicht einfach werden würde“, erzählt der iranische Kurde, der vor mehr als 30 Jahren als Flüchtling nach Österreich gekommen ist, hier studiert hat und längst die Staatsbürgerschaft besitzt. Ursprünglich wollte er die Tafel an dem Haus anbringen lassen, in dem die Morde geschehen waren. „Der Besitzer lehnte ab. Er hatte Angst vor Demonstrationen.“ Schließlich pachtete Nassiri die Mauer gegenüber, die den Bundesbahnen gehört. Im Juli vor zwei Jahren wurde die Tafel enthüllt.

 

Deutliche Worte in Deutschland

Nassiri ist glücklich darüber, doch er ist nicht ganz zufrieden. In Deutschland hatten die Häscher des iranischen Regimes ebenfalls Jagd auf Kurdenpolitiker gemacht. Im September 1992 töteten sie vier Männer im Berliner Restaurant Mykonos. Auch dort steht seit April 2004 eine Gedenktafel, die unumwunden festhält, wer hinter dem Attentat steckte: „Ermordet durch die damaligen Machthaber im Iran“. Diese Worte hätte sich Nassiri auch für seine Tafel in Wien gewünscht. Doch ihm war von den Verantwortlichen beschieden worden, dass das nicht opportun sei. Deshalb einigte man sich auf die Floskel „Durch iranische Terroristen ermordet.“ Doch das will Nassiri nun ändern. Er will eine neue Inschrift, die die Schuldigen benennt. Die so wie in Berlin lautet: „Ermordet durch die damaligen Machthaber im Iran“.

 

Österreich ließ Mörder fliehen

In Deutschland hatte man schon nach den Morden anders gehandelt als in Österreich. Ein Berliner Gericht verurteilte die Attentäter zu hohen Gefängnisstrafen. Und trotz Protesten Teherans stellte es fest, dass Irans Führung das Verbrechen in Auftrag gegeben habe.

In Wien wollte man von Anfang an keine Schwierigkeiten mit Teheran haben. Bei den Todesschüssen auf die Kurden 1989 wurde ein Iraner verletzt. Zunächst galt er als Zeuge. Bald verdichteten sich die Hinweise, dass er mitgeholfen hatte, Ghassemlou in die Falle zu locken. Der Mann fand in der iranischen Botschaft Zuflucht. Dann durfte er wie die anderen Attentäter ausreisen. Später hieß es, Teheran habe mit Vergeltung gedroht, sollte in Wien gegen die Verdächtigen vorgegangen werden.

Nassiri hofft, dass nun die Zeit reif ist, die Schuldigen von damals beim Namen zu nennen. Er hat seine ganz eigenen Erfahrungen mit der Brutalität der iranischen Machthaber: Einer seiner Brüder wurde verschleppt und ist seither verschwunden. Nassiri selbst verlor als junger Mann bei Kämpfen gegen das Regime ein Bein und trägt eine Prothese. Er will sich nicht so leicht unterkriegen lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)