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Deutschland: Steinbrück legt starken Start hin

(c) AP (Miguel Villagran)
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Der SPD-Vorstand nominiert Steinbrück einstimmig als Kanzlerkandidat. Der Streitpunkt Pensionsreform wird vertagt. Parteilinke und Grüne hadern mit der Kür. Bündnis mit Linkspartei oder Piraten schließt er aus.

Berlin. Die deutschen Sozialdemokraten haben zurzeit nur ein Thema: Wie viel Platz brauchen die Beine von Peer Steinbrück? Am Sonntag hielt der unlängst gekürte Kanzlerkandidat eine flammende Rede auf dem SPD-Landesparteitag in Nordrhein-Westfalen. Doch es gab nicht nur Applaus für den Frontmann, der vom rechten Parteiflügel aus angreift, um in einem Jahr Merkel vom Thron zu stoßen.

„Das Programm muss zum Kandidaten passen“, ermahnte er die Parteilinken, die zugeben, dass er nicht ihr Wunschkandidat ist. „Ihr müsst mir etwas Beinfreiheit einräumen.“ Das Stöhnen und Murren war verhalten, aber nicht zu überhören. Da grätschte der 65-Jährige seine Beine, um zu zeigen: Es geht um nicht mehr als „einen Meter achtzig“. Was soll in diesem Durchmesser Raum finden? Steinbrücks Vorbild ist Gerhard Schröder, der 1998 Wähler aus der bürgerlichen Mitte für die SPD gewann. Als Abgeordneter hält der Ex-Finanzminister oft hoch dotierte Reden vor Bankern und Managern, bei der Parteibasis sah man ihn bisher kaum. Nur 28 Prozent der Deutschen glauben, dass sich der Sozialdemokrat auch um die kleinen Leute kümmert. Damit das Match um die Mitte gewonnen werden kann, darf ihm die Partei nicht allzu viele Zugeständnisse abtrotzen. Am Montag nominierte der Vorstand Steinbrück einstimmig. Aber bei der Korrektur der Rentenreform gewann der linke Flügel Terrain: Es bleibt nicht bei Parteichef Sigmar Gabriels moderatem Vorschlag, eine Arbeitsgruppe wird ihn überarbeiten.

 

Fühler zur FDP ausgestreckt

Probleme bereitet manchen auch die „befremdlich“ überstürzte Kür. Während die Grünen um ihr Spitzenduo in einer Urabstimmung ringen, wurde die K-Frage in der SPD heimlich von drei Herren geklärt. Ein Sonderparteitag im Dezember darf den Kandidaten nur noch abnicken. Klar ist Steinbrücks Ziel: Er will Kanzler einer rot-grünen Koalition werden. Darauf lassen sich auch die Grünen voll ein, wenn auch ohne rechte Begeisterung über ihren Partner.

Ein Bündnis mit Linkspartei oder Piraten schließt der Herausforderer aus. Doch damit die SPD die Union überholt, muss sie eine massive Wechselstimmung erzeugen, die es heute nicht gibt. Auch Rot und Grün zusammen kommen in Umfragen auf nicht mehr als Schwarz plus Gelb. Für einen klareren Vorsprung bräuchte es die FDP, also eine Ampel – sofern es die Liberalen in den Bundestag schaffen. Noch schließt man in Berlin ein solches Bündnis aus.

Aber zarte Avancen gibt es. FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki, einst sein Kommilitone in Kiel, hielt die Laudatio bei der Präsentation der Steinbrück-Biografie vor einer Woche. Die liberale Nachwuchshoffnung Christian Lindner lobt den Kandidaten als „respektable Persönlichkeit“. Bei den Grünen werden da böse Erinnerungen wach: an einen Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen, der sie 2003 aus der Landesregierung werfen wollte, um eine Liebesheirat mit den Liberalen einzugehen. Sein Name: Peer Steinbrück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)