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Meistererzähler der modernen Geschichtswissenschaft

Gastkommentar: Der Historiker Eric Hobsbawm (1917–2012) lebte nicht lange in Wien – immerhin aber lange genug, um Österreich zu durchschauen.

Eric Hobsbawm ist am 1.Oktober 2012 in London im Alter von 95 Jahren seiner langjährigen Leukämie-Erkrankung erlegen. Als Autor von historischen Meisterwerken und als beeindruckender politischer Mensch wird er noch lange Zeit im „kulturellen Gedächtnis“ und in individuellen Erinnerungen präsent bleiben. Er hat nicht nur Einzelne wie mich, der ihn seit über 30 Jahren persönlich gekannt hat, geprägt, sondern Generationen von Historikern tief beeinflusst.

Eric Hobsbawm wurde als Sohn britisch-österreichischer Eltern aus der jüdischen Mittelklasse im Juni 1917 in Alexandria in Ägypten geboren und kam in den 1920er-Jahren nach Wien. Er ist nicht lange genug in Wien geblieben, um die bei uns so beliebte Wien-Nostalgie zu entwickeln – aber doch lange genug, um Österreich zu durchschauen, zu verstehen und immer wieder in seine Texte einzubinden. Kindheit in Wien, dann Berlin, betroffen von schweren familiären Umständen, unmittelbar den Aufstieg des Nationalsozialismus miterlebend und dadurch in seinem Politikverständnis geprägt. Nach England emigriert, studierte er ab 1939 am King's College in Cambridge. Da bereits trat er der Kommunistischen Partei bei, der Hobsbawm bis zu deren Ende angehörte.

 

Drei Kategorien von Werken

Seit dem Ende der 1950er-Jahre erscheinen die große Werke Hobsbawms, dazwischen eine Vielzahl von Aufsätzen, ganz zuletzt noch eine Reihe Sammelbände zu aktuellen Themen. Unter wissenschaftlicher Perspektive gibt es in seinen Werken drei Kategorien.

Zu den kleinen gehört „Primitive Rebels“ (auf Deutsch 1962) über archaische Sozialbanditen, wo rebellische Einzelpersonen, die Robin Hoods, und kleine außenseiterische Gruppen, von Gerechtigkeitsvorstellungen getriebene Banden geschichtswürdig gemacht wurden, lange bevor solche Themen ins Licht der kommenden Alltags- und Mikrogeschichte getreten sind.

Wir Historiker, die überwiegend aus anderen Milieus kommen, hätten die Verpflichtung, sagte er, das Fremde, das uns Ferne, diesen ländlichen Unterschichtenprotest ernstzunehmen, um ihn wirklich begreifen zu können. Das schlug Ende der 1960er-Jahre vor allem im Umfeld der Studentenbewegung ein und ist heute wieder eine große Aufgabe.

Angesichts der arabischen, griechischen oder amerikanischen Aufstands- bzw. Protestbewegungen etwa kann man aus Hobsbawms Werk lernen. Man beginnt mit seinem an sich schmalen Erstlingswerk ferne Zivilisationen, fremde Kulturen andere historische Positionen in ihren und subjektiven Handlungsantrieben zu verstehen und sie in ihrem „Anderssein“ zu akzeptieren.

Was mit dieser „distanzierten Liebe“ (vergleichbar mit Pierre Bourdieus „amour intellectuel“) zu den „Sozialrebellen“ beginnt, sollten wir bereit sein, bis zu den islamischen Fundamentalisten verstehend (sie keineswegs billigend), auszudehnen. Diese Sichtweise ist ein Zugang, der auch die Komplexität der Welt ertragbar machen kann.

Die mittlere Ebene konzentriert sich auf die Geschichte der Arbeiter, der Arbeiterorganisationen, der Gewerkschaften und deren Verhalten. Das ist eine Ebene, in der Hobsbawm paradigmatisch für die britische politische Sozialgeschichte steht und deren Blickwinkel auch auf andere Schichten und Bewegungen als das „klassische“ Proletariat erweitert hat und von hier aus für die kontinentaleuropäische und amerikanische Sozialgeschichte vorbildhaft wurde.

Auf der dritten Ebene befinden sich seine großen Synthesen, die Makrogeschichte und eine „angelsächsisch“ geprägte multidimensionale Gesellschaftsgeschichte, die Analyse ganzer Gesellschaften. Das „lange“ 19.Jahrhundert als Bezeichnung für die Zeit von 1789 bis 1914 ist einer der Begriffe, der von Hobsbawm in vielen Detailstudien und Überblicken faktenreich konkretisiert wurde.

 

Ein blendender Schreiber

Mit seinen auf breitestem Wissen basierenden und blendend geschriebenen Büchern wurde er über die Fachhistorie hinaus auch für die breite Leserschaft geschichtsbildprägend. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch Querschüsse gegen ihn gegeben hat, die seine kommunistische Vergangenheit und/oder seine locker gehandhabte marxistische Geschichtstheorie als Argument gegen Übersetzungen in andere Sprachen genommen hätten (etwa in Frankreich). In kommunistischen Ländern durften seine Bücher nie erscheinen.

Mit seinem wohl wichtigsten Werk, „Zeitalter der Extreme“ (auf Deutsch 1995), das sich dem von ihm so genannten „kurzen“ 20. Jahrhundert widmete, wurde er zum weltweit bekanntesten Historiker. Dieses Konzept wurde unter Historikern – nicht ganz unbestritten – gang und gäbe. Unbekümmert auch um vorübergehend modische postmoderne Geschichtskonzeptionen gab er eine Art „Meisterzählung“ vor, indem er auf das „Katastrophenzeitalter“ ein „Goldenes Zeitalter“ (1945–1973 bzw. 1990) folgten ließ, an das er anschließend früh einen „Erdrutsch“ diagnostizierte.

 

Verdüsterte Perspektive

Gerade in seinen letzten Büchern verdüsterte sich diese Perspektive. Er befürchtete eine Wiederkehr von Krisen und Kriegen, auch in lange Zeit friedlich scheinenden Weltregionen. Seine intellektuelle Autobiografie, ein Meisterwerk auch dieses Genres, benannte er „Interesting Times“, das auf Deutsch unter dem Titel „Gefährliche Zeiten“ (2003) erschien.

Im hohen Alter, als ihm spät auch in Österreich hohe Ehrungen zuteilwurden, entfaltete Hobsbawm noch eine bewundernswerte Produktivität auf allen der hier benannten Ebenen seiner historischen Arbeiten. Wie eh und je verstand er es dabei, weit auseinanderliegende Bereiche wie die Kulturgeschichte des Jazz, die Mythen der Nationen, die „Erfindung von Traditionen“ und Geschichte anderer Kontinente arbeitstechnisch zu beherrschen.

Mit seiner Frau Marlene, einer in England angesehenen Musikkritikerin, war er auch ein passionierter Besucher der Salzburger Festspiele und der Wiener Staatsoper. Er verband viele Dinge, die zunächst scheinbar nicht zusammengehörten, immer auch erzählerisch meisterhaft – das ist das Faszinierende an seinem Werk.

 

Strenge Wissenschaftlichkeit

Hervorzuheben ist seine absolut strenge Wissenschaftlichkeit, mit der er auch ideologischen Vereinfachungen linker Bewunderer deutlich entgegentrat. Die Basis, auf der man steht, ist nach Hobsbawm ja nicht nur die Arbeitsweise, die Verlässlichkeit des Hinterfragens der Quellen, sondern auch das Vermeiden der blinden Erfüllung seiner eigenen Erwartungen.

Hobsbawm, dem manchmal von Dogmatikern vorgeworfen wurde, in seiner Interpretation etwa der Gewalt im 19. und 20.Jahrhundert nicht „marxistisch korrekt“ vorgegangen zu sein, macht das mit Dezidiertheit deutlich: „Wenn wir Wissenschaftler sind, dürfen wir nicht gesellschaftlich geprägte, uns sympathische Standpunkte einnehmen, wir müssen uns an die Quellen halten – wir müssen Wissenschaftler sein.“


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Gerhard Botz (14.3. 1941 in Schärding) studierte Biologie, Geografie und Geschichte. Emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Uni Wien und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft. Zahlreiche Publikationen, u.a. „Gewalt in der Politik“. 2013 erscheint „Österreich im 20. Jahrhundert“. [Harald Hofmeister]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2012)