Geschmacksfrage: Liebling und Spirali

Ladies who lunch. Nie wieder Schnitzel zu Mittag. Aber auch so bald nicht mehr wieder Abbruch-Chic.

(c) Stanislav Jenis (Stanislav Jenis)

Dass ich nicht der Typ bin, der sich zum Businesslunch Hirn mit Ei oder andere Wiener Schmankerln reinzieht, ist mir jetzt klar, ich bin noch immer „Immervoll“. Also weg von der schicken neuen Wiener Hausmannskost, hin zur alten schicken Hausmannskost, ab in den Siebten. Eine völlig fremde Welt für mich Außenbezirkspflanze, aber ich folge arglos meiner jungen Medienkollegin. Und wirklich, Wien macht immer mehr auf Berlin, das Hotel Daniel ist da nur der geschniegelte Höhepunkt. Denn was sich da rund um die Zollergasse für süße Shabby-Chic-Lokale aneinanderreihen, ist der Albtraum jedes ordentlichen Maurers. Putz an den Wänden wird auch wirklich überbewertet, das „Liebling“ verzichtet zusätzlich sogar auf ein Geschäftsschild, angesprayte Wände sind Erkennungszeichen genug. Davor stehen drei echt coole alte Gartentischchen mit Sesseln, wie frisch aus der „Glasfabrik“ geholt, und ein Tagesgericht gibt’s auch – Kürbis in Bechamel-Pampe mit einem Riesengupf geröstete Erdäpfel und zwei Stück Schwarzbrot. Hab ich etwa das Schonkost-Menü im AKH gewählt?

Tatsächlich wird das Tagesgericht von einem Caterer zugekauft, man hat nämlich keine richtige Küche hier, ganz sicher ist sich die „Liebling“-Mannschaft da aber eh noch nicht, vielleicht hat der Caterer auch einfach nur nicht mit dem letzten 30-Grad-Spätsommertag gerechnet – wie auch immer. Zu Mittag reichen auch wirklich die Kleinigkeiten, die der italienische Koch an der Bar zubereitet, etwa Bruschetta mit Roten Rüben oder die Piadine, dünne getoastete Fladen gefüllt mit Stracchino (einer Art bisschen würzigerem Mozzarella) und Paradeisern. Jedes Gericht kommt mit demselben Sauerrahmpatzerl daher, das ist schon wieder lustig. Süßes gibt’s hier nix, aber vazieren ist sowieso total angesagt, also zweimal ums Eck ins „Spirali“ geschlendert, wo man neidisch auf die frische Pasta am Nebentisch schaut (geliefert!) – und nur noch Platz für einen Brownie und eine Tasse hier speziell empfohlenen, echt nach gutem Kaffee schmeckenden Kaffee hat. Der heißt dann wirklich auch noch „Cult“ und das Team kennt die Rösterei (in Oberösterreich, aha) auch wirklich persönlich. Um davon wieder runterzukommen, brauche ich am Abend ein Bier. Aus der Flasche. Im alten „Stadtbahn“ in Gersthof. Da ist es auch schön schiach. Und ich bin wieder back in Vienna, so far.

Liebling, Zollerg. 6, Di–Sa 11–2 h, 0699/ 11478004, Spirali, Kircheng. 22, 01/890 21 26

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