Verlegt in Zug, U-Bahn, Depot. T.E. Lawrence schrieb die "Sieben Säulen der Weisheit" neu, Polgar verlor drei Jahre Arbeit. Nun sucht Walser nach seinem Tagebuch.
Ein Schriftsteller nimmt sich vor, einen großartigen Roman zu schreiben und ihn dann zu verlieren, er lässt ihn in der Straßenbahn, in einem Lokal, im Hotelbett einer Unbekannten, aber immer laufen ihm nette Leute nach und geben ihm das Manuskript wieder. So erzählt es Urs Widmer. Martin Walser geht es genau umgekehrt. In einem Zug von Innsbruck nach Friedrichshafen hat er am 17.September sein „in rotes Leinen gebundenes“ Tagebuch liegen lassen. Und da er „nicht die Absicht hatte, es zu verlieren“, enthält es weder Namen noch Adresse des Autors. Erst nachdem das Buch zwei Wochen lang in keinem Fundbüro der Deutschen Bahn abgegeben worden war (es war dort in der „Verlustgruppe Bücher, Bilder, Kunstgegenstände“ registriert), wandte sich Walser an die Öffentlichkeit, und der Rowohlt Verlag setzte 3000 Euro als Finderlohn aus. Nun wartet der 85-Jährige also, wie er sagt, auf die „Erlösung“.
Walsers Privatnotizen bald im Internet?
Viel Schlimmeres kann einem Autor kaum passieren. Da geht es einerseits natürlich um die Preisgabe von allzu Intimem. Schriftsteller veröffentlichen ihre Tagebücher zwar gern, aber nur bearbeitet und also pseudoprivat. Es ist peinlich, wenn ein Gast in die Wohnung kommt, bevor man sich angekleidet hat. Und was heißt da nur einer? Wer wer weiß, ob Walsers sämtliche Notizen nicht schon bald im Internet zu lesen sind?
Vor allem aber schmerzt der Verlust eines „aufgeschriebenen Lebens“, wie Walser sagt, auch wenn er natürlich übertreibt: Es geht um rund ein Jahr. Walser hat auch ausführliche neue Werkentwürfe, die er auf seinen unzähligen Reisen konzipiert hat, in sein Leinenbüchlein niedergeschrieben, für einen Essay zum Thema „Liebe ohne Sex und Sex ohne Liebe“ und zwei Romane, „Der Gefangene“ und „Die Inszenierung“.
Vielen Schriftstellern ist es schon ebenso ergangen und viel, viel schlimmer. Was sind ein Jahr Notizen gegen einen Tausend-Seiten-Roman? T.E. Lawrence, bekannt geworden als „Lawrence von Arabien“, vergaß 1919 in einem Bahnhofscafé das einzige Manuskript von „Die sieben Säulen der Weisheit“. Er fand es nie wieder und musste alles neu schreiben.
Mehr Glück hatte der indische Schriftsteller Rabindranath Tagore. Er ließ 1912 einen Aktenkoffer mit dem Lyrikmanuskript „Gitanjali“ in einer Londoner U-Bahn-Station stehen, angeblich vor Staunen über dieses Wunder moderner Technik. Das Manuskript fand sich aber im Fundbüro wieder, ein Jahr später erhielt Tagore dafür den Literaturnobelpreis.
Besonders skurril ist der Fall des in Großbritannien lebenden V.S. Naipaul. Er deponierte all seine Manuskripte in einem Londoner Depot, wo sie mit den Aufzeichnungen einer südamerikanischen Firma verwechselt und verbrannt wurden.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, etwa mit Heimito von Doderer: Das Manuskript zu einem Roman „Katharina“ verschwand auf der Rückkehr von seiner sibirischen Gefangenschaft. Oder mit Alfred Polgar: Seine Sekretärin verschlampte ein Konvolut, an dem er drei Jahre lang gearbeitet hatte. Die meisten unwiderruflich verlorenen Manuskripte sind aber Erstlinge, die bei den Verlegern verlegt werden (und zwar wörtlich) oder sich schon vorher auf dem Postweg in Luft auflösen. Arthur Conan Doyle traf es ebenso wie Henry Miller.
Seitdem Schriftsteller Computer nutzen und ihre Texte vielfach abspeichern, brauchen sie sich deswegen freilich weniger Sorgen zu machen. Und auch Tage- und Notizbücher werden immer öfter auf Handys oder iPads geführt und regelmäßig auf Computer abgespeichert. So ist der 85-jährige Martin Walser vielleicht der letzte Schriftsteller, dem ein solches Malheur widerfährt. Wenn sein Tagebuch verschollen bleibt, wird es dann zumindest als „letztes verlorenes Manuskript“ historische Bedeutung erlangen.
Unehrliche Finder können berühmt werden
Dass von Schriftstellern Geschriebenes und noch nicht Veröffentlichtes in falsche Hände gelangt, diese Gefahr bleibt freilich – und ist mit Computer und Internet noch gewachsen. Ganz altbacken geht es noch bei Martin Suter zu. Im Roman „Lila, lila“ stöbert ein junger Mann ein Manuskript in einem Flohmarktkästchen auf. Er veröffentlicht es unter seinem Namen und wird berühmt, irgendwann aber bittet der wahre Autor bei einer Lesung um ein Autogramm... Die neue US-Filmromanze „The Words“ hat sich an diesem Plot kräftig bedient, allerdings hat der Autor sein Manuskript dort in einem Zug liegen lassen. Gut, dass der unglückliche Martin Walser „nur“ Notizen verloren hat und nicht einen fertigen Roman.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)