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"Kinder können sich auch eine Zeitlang selbst beschäftigen"

Kinder koennen sich eine
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Trotz großer Gruppen sind die Kindergärten der Stadt Wien Bildungseinrichtungen, sagt deren Leiterin Daniela Cochlár im Interview mit DiePresse.com. Die Pädagoginnen wüssten genau, was sie machen.

Am Samstag gab es die erste gewerkschaftlich organisierte Demonstration der Kindergärnter. Wie schlecht sind denn die Arbeitsbedingungen der Pädagoginnen und Helferinnen?

Daniela Cochlár: Das war keine Demonstration gegen Wiener Arbeitsbedingungen, sondern eine bundesweite. Wir haben im Bundesgebiet sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen für elementarpädagogische Arbeit. In den städtischen Kindergärten in Wien haben wir etwa einen Personalschlüssel, der über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht. Wir haben nicht nur eine Pädagogin und eine Assistentin in der Krippe, sondern zwei Pädagoginnen und die Assistentin dazu. Wir in Wien bemühen uns, gute Rahembedingungen zur Verfügung zu stellen.

Sind die Arbeitsbedingungen denn gut genug?

Daniela Cochlár Ich war ja selber Kindergartenpädagogin und weiß: Man kann Arbeitsbedingungen immer verbessern.

Was sollte man als Erstes verbessern?

Daniela Cochlár: Es gibt verschiedene Forderungen. Ich horche mir gerne alles an, natürlich muss man auch schauen: Welche Rahmenbedingungen habe ich, was kann ich zur Verfügung stellen.

Würden Sie mehr Personal als dringend betrachten?

Daniela Cochlár: Dass es einen Mangel gibt, ist kein großes Geheimnis. Wien bildet aus und tut was dazu. Etwa 140 Personen werden im nächsten Jahr durch die neuen Programme Change und Pick-Up fertig.

Bei den 3-6-Jährigen werden 25 Kinder von einer Pädagogin und einer Assistentin betreut. International ist das unter dem Schnitt. Soll und kann das in den nächsten Jahren verbessert werden?

Daniela Cochlár:  Man muss sich anschaun, wie sich das weiterentwickelt. Momentan fehlen uns 166 Pädaagoginnen und wir schauen, dass wir die mal ausbilden und den guten Standard, den die städtischen Kindergärten haben, auch halten. Wir haben auch eine Krankenstandsreserve und eine Absenzenreserve.

Eine Pädagogin auf 25 Kinder: Da wird es schon schwierig mit dem Ausdruck "Bildungseinrichtung".

Daniela Cochlár:  Wir arbeiten nicht im Kollektiv, sondern in Kleingruppen, denen ich etwa erkläre, wie sich Rot und Blau zu Lila mischen. Die anderen können mit der Assistin spielen oder sich auch eine Zeitlang selbst beschäftigen, das können Kinder im Alter von 3 - 6 schon ganz gut.

Vergangenes Jahr veklagte eine Kärntnerin einen Kindergarten, weil ihr Kind vom Baum stürzte und sich den Arm brach. Müssen Kinder mittlerweile unter den Glassturz gestellt werden?

Daniela Cochlár: Wir sehen das aus der Bildungssicht. Und Bildung passiert in elementarpädagogischen Einrichtungen nicht durch Unterricht, sondern durch Erfahrungen. Durch Sinneserfahrungen, Bewegungserfahrungen, Spielen usw. Das müssen wir den Kindern ermöglichen. Den Eltern müssen wir nahebringen, dass Erfahrungen dazu gehören: Auf der Rutsche knieend runter rutschen. Sich in der Sandkiste super-dreckig machen. Mit Schlamm spielen. Das kann man Eltern auch nahe bringen, selbst wenn sie übervorsichtig sind. Natürlich passiert manchmal was, das gehört zum Leben dazu. Erfahrungen sind Teil des Bildungsprozesses. Die Pädagoginnen können argumentieren, warum sie Kinder Asphalt oder holpriges Gras laufen lassen. Die schreiben ja auch alle Vorbereitungen und haben eine Zielsetzung.

Und wenn die Eltern sagen, dass sie das trotzdem nicht wollen?

Daniela Cochlár:  Wir können ein Kind nicht den ganzen Tag am Fessel festbinden. Es ist für Eltern ein Lernprozess, wie bei der Eingewöhnung. Hier müssen Eltern lernen, dass im Kindergarten andere Dinge passieren als bei mir in der Familie. Das Kind entwickelt quasi ein zweites Leben, macht Erfahrungen, die es zuhause nie und nimmer machen würde. Dazu ist der Kindergarten ja da: Das Kind soll seinen Erfahrungshorizont erweitern können. Letzten Endes gibt es in Wien auch ein sehr vielfältiges Angebot an privaten Plätzen, wo durchaus unterschiedlich gearbeitet wird.

Gibt es mehr Probleme mit den nachlässigen oder mit den überfürsorglichen Eltern?

Daniela Cochlár: Das Ziel ist ja, dass es dem Kind gut geht. Und überfürsorgliche Eltern gefährden ihre Kinder wahrscheinlich weniger.

Von Experten und Politikern wird betont, wie wichtig die Sprachförderung im Kindergarten ist. Wie funktioniert die?

Eva Reznicek: Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen sprachlicher Bildung und Sprachförderung. Etwa im Alter von 4 Jahren machen wir eine Sprachstandfeststellung. Wenn die Kinder Förderung brauchen, wird das in die Wege geleitet. Sprachentwicklung und Rhythmik hängen etwa eng zusammen: So wird zur Förderung etwa beim Sätze sprechen im Rhythmus gehüpft. Die zweite Sache ist, dass speziell Deutsch gefördert wird. Die Deutschevaluierung wird im letzten Kindergartenjahr gemacht. Da haben wir noch zusätzliche Sprachförderassistentinnen, die den Häusern zugeteilt werden. Wobei auch da wichtig ist, die Erstsprachen der Kinder einzubeziehen. Deutsch lernen ist wichtig, aber es sollen nicht alle anderen Sprachen unterdrückt werden. In einer zweiten Testrunde wird geschaut, ob es Fortschritte gibt.

Wie viele Kinder haben Defizite?

Daniela Cochlár: Im Wiener Gemeinderat hat Stadtrat Christian Oxonitsch erst kürzlich eine Bilanz dazu vorgelegt. Demnach hatten im vergangenen Jahr 4901 Kinder im Alter von 4,5 bis 5,5 Jahren einen erhöhten Sprachförderbedarf. Das umfasst aber die ganze Breite von kleinen Sprachdefiziten bis hin zu kaum sprechenden Kindern.

Und nach der Evaluierung?

Daniela Cochlár: In einer internen Testevaluierung zeigte sich grundsätzlich bei allen Kindern eine signifikante Steigerung der Sprachkompetenz. Aktuelle Gesamtzahlen aus allen teilnehmenden Kindergärten in Wien werden im Herbst 2013 zur Verfügung stehen.

"Geschlechtsneutrale Erziehung": Ist das ein Thema in den Wiener Kindergärten?

Daniela Cochlár:  Wir sagen dazu geschlechtssensible Erziehung, weil es nicht darum geht, das Geschlecht neutral zu machen sondern sensibel zu sein: Mit welchen Rollenklischees wird das Kind konfrontiert. Das ist natürlich ein Thema, weil ein Kind ein breites Bildungsangebot finden soll. Ein Mädchen soll nicht nur im Sozialen, ein Bub nicht nur in der Technik üben dürfen.

In privaten Kindergärten gibt es teilweise die Möglichkeit, Kurse wie Musikunterricht gegen Bezahlung zu buchen. Warum bieten Sie das nicht an?

Daniela Cochlár:  Das Anbieten von Einzelstunden entspricht nicht unserem Konzept. Bereiche wie Mathematik etwa werden in unseren pädagogischen Alltag verschränkt. Wir haben ein ganzheitliches Bildungskonzept, bei dem es nicht darum geht, in Unterrichtseinheiten zu lernen, weil das dem frühkindlichen Lernen nicht entspricht.

Das heißt, die "Tägliche Turnstunde", wie sie derzeit von einer Initiative gefordert wird, halten Sie auch nicht für zielführend.

Daniela Cochlár:  Das ist für die Elementarpädagogik kein Thema. Kinder brauchen den ganzen Tag über ein Bewegungsangebot.

Zur Person

Daniela Cochlár, ehemals selbst eine Kindergartenpädagogin, ist die Leiterin der Kindergärten der Stadt Wien. Sie wird in pädagogischen Fragen von Eva Reznicek unterstützt.