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Tage der ungleichen Einkommen – Sturheit à la Österreich

Der Equal Pay Day wird in Österreich zwei Mal begangen: einmal im Frühling und einmal im Herbst. Bleibt nur noch die Frage, wer ihn importiert hat. Anwärter gibt es einige.

Zuerst zum ernsten Teil der Angelegenheit. Frauen verdienen weniger als Männer. Auch in Österreich, und manchmal auch dann, wenn sie die gleiche Arbeit im gleichen Ausmaß verrichten wie Männer. Gewerkschaft, Frauenministerin und Grüne sprechen von 23,7 Prozent Lohnunterschied. Manches davon ist erklärbar: mit Karenzzeiten, Berufserfahrung, Stellung in der Unternehmenshierarchie. Vergleicht man die Verdienste in der gleichen Branche, Berufsgruppe, mit dem gleichen Ausbildungsniveau und der gleichen Zugehörigkeitsdauer zum Unternehmen, bleiben laut Statistik Austria 18 Prozent Unterschied. Das Wifo spricht von 13,5 Prozent Gehaltsunterschied, der nicht erklärbar ist. Je nachdem, wen man fragt, bleiben zumindest einige Prozent, die auf „echte“ Diskriminierung entfallen. Um die Frauen also deswegen weniger verdienen, weil sie Frauen sind. Zum Beispiel, so die Vermutung, weil sie sich in Gehaltsverhandlungen mit weniger zufriedengeben.

Deshalb gibt es den Equal Pay Day. In den USA schon seit den 1990er-Jahren, später schwappte er nach Europa über. Die EU-Kommission hat einen europaweiten Equal Pay Day ausgerufen. Er findet jedes Jahr an dem Tag statt, bis zu dem Frauen länger arbeiten müssen, um gleich viel zu verdienen, wie Männer schon Ende des abgelaufenen Jahres verdient haben. Heuer war das der 5. März. Viele EU-Staaten organisieren auch ihre eigenen Aktionstage. Darunter Spanien, Griechenland, Deutschland, Belgien, Estland und Frankreich. Das Datum ist, je nach Einkommensunterschied, verschieden. Aber eines haben sie gemeinsam: ihren Termin im Frühling.

Aber in Österreich ist das anders. Hier gibt es gleich zwei Equal Pay Days. Einen im Frühling und einen im Herbst. Der herbstliche Termin fällt anno 2012 auf den heutigen Samstag. Es ist der Tag, ab dem Frauen noch bis Jahresende „gratis“ weiterarbeiten. Nicht zu verwechseln mit dem Frühjahrstermin, der ja jenen Tag markiert, bis zu dem Frauen über das Jahresende hinaus gearbeitet haben, um so viel zu verdienen, wie Männer schon zu Jahresende eingesteckt haben.

Bleibt die Frage: Warum die Verwirrung? Wieso nicht die Kräfte an einem Tag bündeln? Fragen Sie die Veranstalter. Das ist auf der einen Seite das „Business and Professional Women“-Netzwerk (Frühling). Und auf der anderen Seite die Gewerkschaft und diverse politische Parteien (Herbst). Beide Seiten bestehen darauf, den Tag der Einkommensgleichheit nach Österreich importiert zu haben. Die Gewerkschaft sagt: „Die Ersten waren sicher die ÖGB-Frauen“, und zwar 2007. Erst 2009 habe das Frauennetzwerk BPW die Idee „aufgeschnappt“. Vom BPW heißt es: „Die Darstellung der Politik und der Gewerkschaften können wir nicht nachvollziehen.“ Erstens orientiere sich die Gewerkschaft auch in der Benennung an der Idee des BPW, also Equal Pay Day. Zweitens seien Gewerkschaft und Politik sehr interessiert an der Verwendung der Logos des BPW und der Werbematerialien.

Der Vorteil für Aktivisten und andere Interessenten ist, dass sie sich aussuchen können, ob sie im April oder im Oktober für gleiche Einkommen auf die Straße gehen. Und, dass das Thema doppelt beachtet wird. In diesem Punkt sind sich nämlich auch die Business-Frauen und die Gewerkschaft einig: Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser.

 

E-Mails an:

jeannine.hierlaender@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)