Birgit Reutz-Hornsteiner verglich Schutzgebiete in Österreich, Italien und der Karibik: Die Bevöl- kerung beteiligt sich, wenn die Region das Schutzgebiet als »Label« nutzt.
Eine undurchdachte Idee zur Wertschöpfung von strukturschwachen Regionen beobachtet man in der Serie „Braunschlag“, wo eine Marienerscheinung den Tourismus ankurbelt. Birgit Reutz-Hornsteiner hat in ihrer Dissertation (Uni Innsbruck, Geografie, Betreuer Martin Coy) eine besser durchdachte Wertschöpfung von Regionen untersucht: Schutzgebiete. „Seit dem Paradigmenwechsel, dass man bei Schutzgebieten den Menschen nicht aus dem geschützten Gebiet aussperren möchte, gibt es die Möglichkeit, die lokale Bevölkerung beim Management des Schutzgebietes einzubeziehen“, sagt Reutz-Hornsteiner. Sie wollte wissen, welche Schlüsselfaktoren für die Akzeptanz eines Schutzgebiets und die Beteiligung der Bevölkerung wichtig sind. Dazu hat sie nicht nur in ihrer Heimat geforscht (Biosphärenpark Großes Walsertal, wo sie sechs Jahre gearbeitet hat), sondern fuhr auch in die Welt hinaus: „Ich wollte entdecken, welche Gemeinsamkeiten es bei Fragen der Partizipation in unterschiedlichen Kulturen und politischen Situationen gibt.“ Einige Monate verbrachte sie in der Karibik (Nationalparks auf den Inseln Dominica und Guadeloupe) und in Süditalien beim Naturpark Ätna. Mehr als 70 Interviews mit Experten konnte Reutz-Hornsteiner in all den Ländern führen, und sie leitete Zukunftswerkstätten mit 75 Teilnehmern, in denen sie die Meinung der Bevölkerung aus dem jeweiligen Umkreis der Schutzgebiete einholte.
Auf den ersten Blick fielen einige Unterschiede auf: So äußerten die Leute im Großen Walsertal sehr offen die Meinung, hatten viele Vorschläge zur Partizipation und erwarteten auch, dass ihre Beteiligung etwas verändern kann. In der Karibik kannte die Bevölkerung ihren Einflussbereich kaum und sah bei den hierarchischen Strukturen der Schutzgebiete nur wenig Spielraum. In Italien hatten die Bewohner sogar Angst, offen ihre Meinung zu äußern. „Aber bei allem kam heraus, dass Schutzgebiete am besten akzeptiert werden, wenn die lokale Bevölkerung eingebunden wird, wenn man ein Gesamtpaket entwickelt, das für Touristen genauso attraktiv ist wie für die lokalen Leute zur Naherholung, wenn man Handwerksbetriebe, Gast- und Bildungsstätten und lokale Unternehmer einbindet und die ganze Region zum ,Label‘ macht: Dann übernehmen die lokalen Stakeholder Mitverantwortung für ihr Schutzgebiet“, sagt Reutz-Hornsteiner. Und dann klappt es mit der Wertschöpfung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)