Eric Kandel, Nobelpreisträger aus Österreich, beschreibt in einem Buch, wie sich in der Wiener Moderne Kunst und Wissenschaft des Geistes verbanden. Ein Gespräch mit der "Presse" über Neuroästhetik.
Die Presse: Was brachte Sie auf die Idee, „Das Zeitalter der Erkenntnis“ zu schreiben, ein Buch über Klimt, Kokoschka, Schiele und die Wissenschaft des Geistes?
Eric Kandel: Dieses Buch hat mein Geist schon lang ausgebrütet. Vor etlichen Jahren hielt ich einen Vortrag über die Ursprünge einer Wissenschaft des Geistes in der Wiener Medizin. Und ich habe mich immer schon für Klimt, Kokoschka und Schiele interessiert, ich sammle sie auch. Später erfuhr ich, dass Klimt im Salon von Berta Zuckerkandl von den Arbeiten des Pathologen Carl von Rokitansky erfuhr. Diese Mischung aus Kunst und Wissenschaft hat mich fasziniert.
Wie weit kann die Neurowissenschaft heute erkennen, was im Hirn geschieht, während wir ein Kunstwerk ansehen – beispielsweise eines der von Ihnen geliebten frühen Kokoschka-Porträts?
Wir erkennen die verschiedenen Bereiche im Gehirn, die dafür verantwortlich sind, wie wir eine Person oder ein Objekt visualisieren, wie wir ein Gesicht dekonstruieren und konstruieren. Wir erkennen die Bereiche, die dafür sorgen, wie wir emotional darauf reagieren, wie wir eine dargestellte Person als andere Person wahrnehmen und auf sie empathisch reagieren. Und wir erkennen, wie das Gehirn all diese Aspekte zusammenfügt, sodass ein Gesamteindruck von einem Kunstwerk entsteht. Wir können heute bestimmte Regionen eingrenzen, die mit dem Anteil des Betrachters zusammenhängen, die sich auf bestimmte Aspekte unserer Antwort zum Beispiel auf ein Gesicht beziehen. Wir stehen also an einem einigermaßen guten Beginn, und das wird sich in den nächsten zehn, 15 Jahren vertiefen. Viele Wissenschaftler interessieren sich bereits dafür, an den Unis entwickeln sich immer mehr Studienprogramme, um Kunst und Neurowissenschaft zueinanderzubringen.
Das Forschungsfeld ist unabsehbar, man könnte beispielsweise untersuchen, wie unterschiedlich Männer und Frauen zum Beispiel auf die Mona Lisa reagieren oder wie Autisten Kunst wahrnehmen...
Ja, wir können zum Beispiel sehen, wie Menschen mit bestimmten Hirnschäden reagieren, oder wie die Stimulation beschädigter Hirnregionen ihre Reaktion auf ein Kunstwerk verändert. Autisten haben Schwierigkeiten, Kunstwerke zu rezipieren. Wenn sie zum Beispiel auf einem Gemälde ein Gesicht sehen, reagieren sie nicht emotional wie andere Menschen auf Personen, sie schauen nicht auf die Augen, sie schauen auf den Mund... Sie können nicht erkennen, dass die Person auf dem Bild eine eigene Person mit ihren eigenen Träumen, Gefühlen und Erwartungen ist.
Glauben Sie, dass das Wissen über die Abläufe in unserem Gehirn jemals Kunst teilweise entzaubern, „wegerklären“ wird?
Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Es gibt so etwas wie einen zerstörerischen Reduktionismus. Er besteht in der Vorstellung, dass alles, was bisher war, bedeutungslos ist und die Wissenschaft nun mit der endgültigen Wahrheit daherkommt. Ich denke keinen Moment lang so. Ich finde, die Erforschung der neurobiologischen Dimension des Kunsterlebnisses ist eine zusätzliche, bereichernde Dimension, sie ersetzt aber nichts. Wir wissen ja auch, dass das Herz ein Muskel ist, der Blut in den Kreislauf pumpt, und doch ändert das nichts an dem, was das Herz für uns bedeutet, es ändert nichts an den romantischen Gefühlen, die wir damit verbinden.
Glauben Sie, dass Klimt von dieser Beschäftigung mit der Wissenschaft des Geistes wirklich künstlerisch profitiert hat?
Es hat auf jeden Fall seine Bilder bereichert. Allein, wenn man an die Fruchtbarkeitssymbole denkt, die biologischen Symbole für Spermien und Eizellen, die als Ornamente das Kleid der berühmten „Adele“ schmücken! Ich glaube, dass die Neurowissenschaft für Künstler sehr stimulierend wirkt. Vielleicht wird sie sie auf neue Ideen bringen, wie sie ihre Kunstwerke gestalten können im Hinblick darauf, was besonders stark auf unser Gehirn wirkt. Künstler sind Psychologen, sie haben viel Einblick in die menschliche Natur, wenn sie malen. Und deswegen glaube ich, dass die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft ihr kreatives Potenzial noch fördern werden. Ich vergleiche das gern mit Leonardo da Vinci, der sich viel Zeit nahm zu verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass die Neurowissenschaft nicht nur für den Betrachter, sondern auch für den Künstler von Nutzen sein wird.
Wie gelingt es Ihnen, mit über 80 Jahren ein derart monumentales Werk fertigzubringen, Disziplin?
Nein. Ich arbeite einfach sehr hart. Zumal ich nicht besonders effizient bin...
Ein Nobelpreisträger – und nicht effizient?!
Na ja, das ist alles relativ. Ich schreibe sehr viele Entwürfe, denn bei mir muss alles perfekt sein.
Auf einen Blick
Eric Kandel, geb. 1929 in Wien, emigrierte 1939 mit seiner Familie in die USA. Er studierte zunächst Geschichte und Literatur, wechselte dann zur Medizin und wurde Psychiater. Sein Interesse verlagerte sich bald auf die biologischen Vorgänge im Gehirn.
Im Jahr 2000 erhielt er für Arbeiten zur Signalübertragung im Nervensystem den Nobelpreis. 2006 veröffentlichte er seine Autobiografie „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“. „Das Zeitalter der Erkenntnis“ ist im Siedler Verlag erschienen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)