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Evergreen Sisi: Die sieben Leben einer traurigen Kaiserin

(C) Vincifilms
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Mario Vinci alias Universum-Pionier Kurt Mündl erzählt „die ganze Wahrheit“ über „die hohe Frau“. Dabei kommt viel Bekanntes und noch mehr Trübes zutage. Warum ist Elisabeth ein derartiger Dauerbrenner?

Was dieser Film im Sinn hat, verrät er bereits im Vorspann: Drogen, Magersucht, Skandal mit Nacktfotos usw. Man sieht die Kaiserin gleich zweimal beim Kotzen, wahrlich, wie heißt es in der Presse-Unterlage? „Kein noch so persönliches Detail wird ausgelassen.“ Heuer wird der 175.Geburtstag von Kaiserin Elisabeth gefeiert. Im Raimund-Theater wurde nach 20Jahren das Musical wieder aufgenommen, das achteinhalb Millionen Besucher aus elf Ländern angelockt hatte und in sieben Sprachen übersetzt worden ist; daran erinnert man sich besonders gern in einer Zeit, da die Wiener Vereinigten Bühnen in eine vorderhand gescheiterte Broadway-„Rebecca“ 380.000 Euro investiert haben.

Da loben wir uns unsere Sisi: Im Hofmobiliendepot ist die Ausstellung „Sisi auf Korfu“ zu sehen. Der Amalthea-Verlag lässt aus berufenem Mund das Vorurteil widerlegen, dass ihr leidgeprüfter Gatte, Kaiser Franz Joseph, ein verknöcherter Autokrat und Militär gewesen sei: Der namhafte Historiker Friedrich Weissensteiner schrieb ein Buch über die Liebschaften des Monarchen.

 

Eingeblendete Szenen mit Romy Schneider

Vom Konzept her folgt der neue Sisi-Film in 3-D dem Musical, er zeigt detailreich die Probleme der Kaiserin, erzählt vom Leibarzt Hermann Widerhofer (Florentin Groll). Als nostalgisches Element werden Szenen aus Ernst Marischkas „Sissi“-Filmen mit Romy Schneider eingeblendet. Eine Trouvaille für Cinephile wurde auch ausgegraben: Ein Stummfilm über Sisis Tod, gedreht in den 1920er-Jahren in Holland.

Der Text des neuen Sisi-Films ist teilweise unfassbar hohl-pathetisch: Elisabeth lässt sich zur Erhaltung ihrer Schönheit Erdbeermus als Maske auftragen. Sie schläft mit Kalbfleisch auf den Wangen, all diese „Torturen“ musste die „hohe Frau“ ertragen, Widerhofer leidet mit. In prächtigen Toiletten eilt die Kaiserin treppauf, treppab. Sie speist Veilchen-Parfait, und wenn das Gewicht allzu sehr nach oben wandert – bei 1,72 m Körpergröße waren schon 50 Kilo zu viel –, dann greift sie zu Fleischsaft. Sie turnt auf dem Bock, hängt ihre schweren Zöpfe auf Gestelle, in der Hoffnung ihre Migräne zu lindern, und lässt sich Kokain spritzen. Wir sehen sie traurig durch den Park von Schönbrunn wanken, Hufeisen und sogar rostige Nägel aufheben. Sie verneigt sich vor Elstern, versteckt sich hinter ihrem Fächer, weil sie nach dem Tod ihres Cousins, König Ludwig II. von Bayern, der im Starnberger See ertrank – um ihn ranken sich ebenfalls viele Legenden –, Stimmen hört, die ihre Todessehnsucht verstärken. Jessica Franz und Anna Berg stellen die Kaiserin dar, Erstere posiert vor allem, Letztere allerdings macht großen Eindruck: eine strenge, schlanke, elegante Frau mit harten Falten um den Mund, unerbittlich gegen sich selbst, narzisstisch, von dem Wunsch beseelt, da ihr schon ein eigenes Leben versagt blieb, wenigstens als Schönheitsideal in Erinnerung zu bleiben. Das hat sie mit heutigen magersüchtigen Royals gemeinsam. Doch in den irdischen Monarchen-Himmel, in den Stephen Frears mit der wunderbaren Hellen Mirren die Queen entrückte, konnte die bedauernswerte Elisabeth nicht gelangen.

Ihrer armen Seele aber sollte man langsam Frieden gönnen, statt sie durch weitere teils üble Seitenblicke-Entlarvungen zu zerren. Ein frommer Wunsch, das nächste „Elisabeth, die ganze Wahrheit“-Produkt kommt bestimmt. Warum, das sieht man hier auch: Der Tourismus kann sich nur freuen, wenn alle die schönen Plätze zwischen Hofburg und Hermesvilla von „Fakes“ belebt werden, die man hernach auf DVD getrost nach Hause tragen kann. Dafür ist ein Millionen-Euro-Produktionsbudget nicht zu viel – je 200.000 Euro gaben das Österreichische Filminstitut (ÖFI) und der ORF, der „Sisi – und ich erzähle euch die Wahrheit“ in ca. eineinhalb Jahren zeigen wird. In Internet-Foren gab es bereits Spott und Hohn für den Trailer. Beobachter, die naturgemäß nicht genannt werden wollen, finden den Streifen „windig“ bis „furchtbar“. Furchtbar ist der Film nicht, aber er leidet unter der klotzigen Bildsprache und dem altmodisch getragenen „Universum“-Ton.

Sisi ist schon seit Langem eine Wiedergängerin: 1998 wurde mit einer großen Ausstellung, u.a. in Schönbrunn und im Wien-Museum, ihr 100.Todestag begangen. 2009 widmete sich Xaver Schwarzenberger in einem TV-Film der Kaiserin; er zeigte eine Frau, die sich teilweise aktiv in die Politik einmischte, wenig realistisch, aber origineller als Mündls Version. Diese wird seit mehreren Jahren vorbereitet. Die „Kronen Zeitung“ berichtete und verloste Tickets für die Premiere heute, Donnerstag, im Apollo. Ihr verstorbener Gründer und Herausgeber, Hans Dichand, interessierte sich für den Film, er sammelte Memorabilien über die Kaiserin. Jung-„Sisi“ Jessica Franz war übrigens 2010 Testimonial der „News“-Kampagne.

Kurze Sisi-Filmgeschichte

Von Paula Wessely bis Ava Gardner, viele Stars spielten Sisi, Romy Schneider gleich zweimal: in Ernst Marischkas drei „Sissi“-Filmen in den 1950er-Jahren und 1972 an der Seite von Helmut Berger in Viscontis „Ludwig II.“ Joseph von Sternberg drehte 1936 mit der Opernsängerin Grace Moore „The King Steps Out“, in der Sisi Cissy heißt und lebenslustig ist. Jean Cocteau wollte als seine Sisi Greta Garbo, der Produktion ging aber das Geld aus. Es gibt auch Satiren wie Michael „Bully“ Herbigs „Lissi und der wilde Kaiser“ (2007).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)