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Wie leben Migranten? Eine Bestandsaufnahme

Symbolbild.(c) Clemens Fabry
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Der neue Integrationsmonitor von Stadträtin Frauenberger hat das Leben der Migranten in Wien untersucht. Das Instrument soll die emotionale Debatte versachlichen.„Die Presse“ hat Vorurteile und Fakten analysiert.

Wien. Seit Donnerstag liegt der jüngste Integrationsmonitor der Stadt Wien vor, der nun zum zweiten Mal erstellt wurde. Dieses Instrument soll Zahlen, Daten und Fakten zur Integration in Wien liefern und damit die emotionale Debatte versachlichen. „Die Presse“ hat Vorurteile und Fakten analysiert.


These: Wien ist eine klassische Zuwandererstadt.

Stimmt. Das war nicht nur in der Monarchie so. Heute besitzt jeder zweite Wiener einen Migrationshintergrund. Etwa 500.000 von jenen, die hier wohnen, sind nicht in Wien geboren. Rund 370.000 haben keine österreichische Staatsbürgerschaft – ein Drittel sind EU-Bürger.

Jährlich siedeln sich etwa 47.000 Menschen neu in Wien an, davon zwei Drittel aus den EU-Ländern. Gleichzeitig steigt die Zahl der Drittstaatenangehörigen mit einer Aufenthaltsgenehmigung. 66,7 Prozent der 200.060 in Wien niedergelassenen Drittstaatsangehörigen besitzen eine Daueraufenthaltsgenehmigung. Gegenüber Ende 2008 ist das ein Plus von 5,6 Prozent (4661 Menschen mehr als 2008).


These: Migranten, die nach Wien kamen, sind völlig ungebildet.

Stimmt nicht. Die Einwanderer, die in den vergangenen 20 Jahren nach Wien gekommen sind, haben eine deutlich höhere Bildung als die Gastarbeiter-Generation (60er- bis 80er-Jahre), Tendenz steigend. Während rund 40 Prozent der Eltern von Drittstaatsangehörigen nur einen Hauptschulabschluss vorweisen können, sind es in der nachfolgenden Generation nur noch 20 Prozent, die über die gesetzliche Minimalausbildung verfügen.

Besonders stark erhöhte sich der Anteil laut Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger, die den Monitor in Auftrag gegeben hat, im Bereich türkischer Migranten. In der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen besuchten beim ersten Monitor (2009) nach der Hauptschule 40 Prozent eine weiterführende Bildungseinrichtung (Lehre, AHS). Nun sind es 60 Prozent. Obwohl Menschen mit Migrantionshintergrund bildungsmäßig den Rückstand auf die Österreicher verringern, sind sie im Bereich der höheren Bildung aber noch unterrepräsentiert.

These: Migranten in Wien arbeiten nicht, sie haben meistens keinen Job.

Stimmt teilweise. Hier muss eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen getroffen werden. Bei Männern mit Migrationshintergrund im erwerbsfähigen Alter zeigen sich de facto keine Unterschiede zu den Wienern mit österreichischen Wurzeln: Zwischen 60 und 65 Prozent stehen in einer Beschäftigung. Anders sieht es bei den Frauen aus. Von jenen mit Migrationshintergrund, die einen Bildungsabschluss in Österreich haben, arbeiten nur 45 Prozent. Der Trend bei Frauen: Je mehr Migrationsmerkmale vorhanden sind (Sprache, Geburtsort, Herkunft der Eltern etc.), desto geringer ist die Beschäftigungsquote.

These: Migranten verrichten in Wien großteils nur Hilfsdienste.

Das stimmt großteils. Ein Grund dafür ist auch die mangelnde Anerkennung von Abschlüssen, die im Ausland gemacht wurden. Das führt zu dem Effekt, dass 43 Prozent jener Ausländer, die eine höhere oder mittlere Ausbildung besitzen, nur in Hilfsarbeiterjobs unterkommen.


These: Die Stadt Wien wirft den Ausländern die Staatsbürgerschaft nach.

Stimmt nicht. Bei Einbürgerungen gibt nicht die Stadt, sondern der Bund die Regeln vor. Und diese wurden in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Wurden 2003 noch 18.085 Menschen in Wien eingebürgert, waren es vor zwei Jahren nur noch 1745. Anders formuliert: 2010 erhielten nur 0,5 Prozent der ausländischen Staatsangehörigen die österreichische Staatsbürgerschaft. Es gibt also immer weniger Einbürgerungen, während die Zahl der Migranten steigt.


These: Migrantenkinder haben oft Probleme mit der deutschen Sprache.

Stimmt. Bei der Sprachstandserhebung 2010/2011 wurden 4,5- und 5,5-Jährige getestet, um festzustellen, ob sie fit für die Schule sind. Bei fast 40 Prozent wurde ein Förderbedarf festgestellt. Davon hatten 82 Prozent Deutsch nicht als Erstsprache. Bei den erwachsenen Migranten dagegen geben weniger als zehn Prozent an, dass sie Deutsch schlecht oder sehr schlecht sprechen. In anderen Worten: Mit Fördermaßnahmen holen die Kinder diese Defizite auf.


These: Migranten verdienen wenig, leben daher oft in Armut.

Stimmt. Die Herkunft entscheidet über das Haushaltseinkommen. Das zeigt der Monitor klar. Das Einkommen türkischer Haushalte ist um ein Drittel niedriger als der Durchschnitt der Wiener Haushalte. Die Ausbildung von Menschen aus Drittstaaten hat dabei keinen Einfluss auf das Einkommen. In anderen Worten: Migranten werden schlechter bezahlt als Österreicher – selbst migrantische Akademiker verdienen im selben Bereich weniger als Wiener Akademiker. Das jährliche Haushaltseinkommen ist bei Wienern zwischen 2006 und 2010 deutlich gestiegen (von 21.000 auf 24.200 Euro), bei Drittstaatsangehörigen ist das Einkommen auf rund 17.000 gesunken. Am niedrigsten sind die Einkommen mit 14.900 Euro in türkischen Haushalten.


These: Wohnungen für Migranten sind teurer und auch kleiner.

Stimmt. Wiener ohne Migrationshintergrund haben durchschnittlich 43 Quadratmeter als Wohnraum und zahlen rund 5,30 Euro/Quadratmeter Mieter. Mit Migrationshintergrund sind es im Schnitt nur 30 Quadratmeter, wofür sechs Euro/Quadratmeter zu bezahlen sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12. Oktober 2012)