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Irritation: Nackte Männer

Mr. Big. Ilse Haiders provokante Skulptur wurde anlässlich der Ausstellung „Nackte Männer“ soeben vorm Leopold Museum aufgestellt.(c) Leopold Museum

Wann werden wir den Umgang mit Männern als (Nackt-)Modell endlich als „normal“ bezeichnen können? Vermutlich noch länger nicht.

Wann werden wir den Umgang mit Männern als (Nackt-)Modell endlich als „normal“ bezeichnen können? Vermutlich noch länger nicht. Und dass, obwohl sich gerade der Mann seit Jahrhunderten neu erfindet – vom Krieger über den Metrosexuellen bis zum Helden in der Fußballarena. „Wir wollen die gesamte Palette der Wandelbarkeit des Mannes zeigen“, sagt Tobias Natter, Direktor des Leopold Museums. Zusammen mit Elisabeth Leopold hat er „Nackte Männer“ zum Inhalt einer, wie er sagt, „überfälligen“ Ausstellung gemacht (Start 19. 10.). Wie sehr das Thema in der Luft liegt, zeigt auch, dass im Linzer Lentos fast parallel die thematisch verwandte Schau „Der nackte Mann“ stattfindet (Start 26. 10). Für das „Schaufenster“ Grund genug, eine Strecke mit dem renommierten Aktfotografen Andreas H. Bitesnich zu produzieren. Denn selbst Natter sagt, der Akt sei nirgendwo sonst so zu Hause wie in der Fotografie. In den 1870ern habe es begonnen: Nacktfotos wurden als Vorlage für die Malerei benutzt. Mittlerweile sind sie – man denke nur an Robert Mapplethorpe oder Thomas Ruff – längst zum eigenen Kunstzweig avanciert.


Strammer Jüngling. Natter und Leopold spannen einen großen Bogen und analysieren auch die Rolle der Frau. Als die große Angelika Kauffmann auf ihrer Studienreise durch Italien vor rund 250 Jahren einen Zwischenstopp in Florenz einlegte, um an der dortigen Kunstakademie Unterricht zu nehmen, blieb sie vom wichtigsten Ausbildungsblock – dem Studium des nackten Körpers – ausgeschlossen. Während sich ihre versammelten männlichen Kollegen im Aktsaal tummelten, um sich anhand strammer Jünglinge in die Einzelheiten der Anatomie zu vertiefen, wurde die junge Malerin in ein Kämmerchen verbannt, wo sie ihren Blick lediglich auf einen gerade einmal faustgroßen Männertorso aus Gips richten durfte.

Die Situation ist bezeichnend für die tabubelastete Grundhaltung, mit der die westeuropäische Kultur dem nackten männlichen Körper jahrhundertelang begegnete. Die Angelegenheit war, sofern es nicht um Götter oder Helden ging, ausschließlich Männersache. Ein akademischer Topos sozusagen. „In den Aktsälen wurde die Tradition hochgehalten“, sagt Natter, „die Modelle waren immer Männer“. Den großen Umschwung brachte erst die Revolutionszeit und die damit einhergehende Emanzipation des Bürgertums. „Die Darstellung des nackten männlichen Körpers wurde nun zu einer Geste des Aufbegehrens. Er verkörperte die neuen Ideale der Aufklärung und wurde damit zum Symbol des Widerstands.“

Der älteste Nackte. Das Leopold zeigt einen Prolog mit Stichproben aus viereinhalb Jahrtausenden – vom ältesten „Nude in town“, der Statue eines entblößten ägyptischen Hofbeamten, bis zu einer hochaktuellen androgynen Schaufensterpuppe Heimo Zobernigs – illustriert sie die Neuverhandlung von Männlichkeitskonzepten seit 1800. In der Moderne wurde der Männerakt endgültig zum Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen.

Neben zahlreichen ungezwungenen Darstellungen nackter Badender nimmt Egon Schiele eine Sonderstellung ein. Mit seinen Künstlerselbstporträts nahm er eine Entwicklung vorweg, die sich in der Kunst nach 1945 in der Politisierung von Geschlechtlichkeit, in radikalen Identitätsbehauptungen und im Aufbegehren und der Erotisierung des Körpers äußert. Apropos Erotik. Wo ist die Abgrenzung zur Pornografie? Elisabeth Leopold zitiert dazu ihren verstorbenen Mann Rudolf: „Nach 50 Jahren Schiele sammeln konnte er den Unterschied genau beschreiben.“ Es sei ein geistiger. „Erotik muss raus, es ist eine Notwendigkeit bei einem jungen Mann wie Schiele. Pornografie hingegen richtet den Blick immer auf das Publikum und will aufganseln."