Götz Aly: „Die Juden waren schneller in der Moderne“

Götz Aly
Götz AlyDie Presse / Fabian Hainzl

Die Gleichheitsideologie der Sozialdemokratie hat den Judenhass mitverursacht, behauptet der deutsche Historiker. Triebfeder des Antisemitismus: der Neid der weniger Erfolgreichen.

Der lange Schatten des Antisemitismus“ hieß eine Tagung der Uni Wien, bei der auch der deutsche Historiker und Journalist Götz Aly auftrat. Er hat in diesem Wintersemester die Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessur inne. „Die Presse“ befragte ihn zu seinem jüngsten viel beachteten, auch umstrittenen Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass – 1800 bis 1933“.

Die Presse: In Ihrem jüngsten Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ spielt Hugo Bettauers Roman „Die Stadt ohne Juden“ von 1922 eine besondere Rolle, inwiefern?

Götz Aly: Mir scheint interessant, was die Hauptfigur als Grund dafür angibt, warum die Juden Wien verlassen müssen: weil sie so schnell, so erfolgreich seien, und das etwas träge österreichische Bergvölkchen da nicht mitkomme. Die Juden waren sehr viel schneller auf dem Weg in die Moderne, stiegen viel schneller zu Bildung, sozialem und wirtschaftlichem Erfolg auf als die christliche Mehrheit – und das verstärkte den Antisemitismus enorm. Es entstand massenhaft Neid.

Neid vor allem auf den Juden von nebenan?

Es gibt eine Untersuchung über Wiener Handelsschüler von 1913, da kam heraus, dass die jüdischen Schüler viel besser abschnitten als die christlichen, obwohl sie in Betragen und Fleiß die viel schlechteren Noten hatten. Sie störten, waren schwatzhaft, nicht mal fleißig und hatten trotzdem bessere Noten! Die christlichen Schüler lagen nur in Schönschreiben, Zeichnen, Turnen vorn. Dieser Vorsprung setzt sich im Beruf fort, jüdische Kaufleute erspähten die Marktlücken schneller, machten seltener Bankrott. In den 1920er-Jahren waren es Juden, die Tempo-Taschentücher, Markenkondome, Tampons oder Heftpflaster erfanden. Wenn Juden aus Galizien zuwanderten, gingen schon ihre Kinder aufs Gymnasium. Kam eine christliche Familie vom Land, dauerte es drei, vier Generationen bis zum ersten Doktor.

Der Grund?

Die jüdische Religion setzt zu ihrer Ausübung voraus, dass jeder Gläubige lesen und schreiben kann und sich als Person unmittelbar und direkt mit den heiligen Schriften auseinandersetzt – ein fundamentaler Unterschied zum Christentum jener Zeit. Ein noch so armes jüdisches Kind aus Galizien lernte lesen und schreiben, Hebräisch, dazu Jiddisch, dazu die Sprache, die in seiner Gegend von der Mehrheit gesprochen wurde. In Preußen sind die Juden deutlich früher emanzipiert worden als im Habsburgerreich, schon 1813, sie kamen nach Deutschland wegen der herrlichen Gymnasien und Hochschulen. Die einheimischen christlichen Kinder waren bis zur Schulreform 1880 nicht in der Lage, diese Bildungseinrichtungen zu nutzen, weil die Elementarschule wie in Österreich ganz vernachlässigt war.

Lange galt die NSDAP vor allem als Partei des vom Abstieg bedrohten Kleinbürgertums. Sie betonen wie andere jüngere Historiker den Typ des verhinderten Aufsteigers...

Ja, seit der deutschen Schulreform 1880 rücken die Mehrheitsdeutschen nach, in der Weimarer Republik verdreifachten sozialdemokratische Politiker die Abiturienten-Zahl. In dieser Situation brachte die Wirtschaftskrise die Angst davor, dass der Aufstieg misslingen könnte. Zugleich sehen die Angehörigen der Mehrheit die Juden geschickter vor sich hertanzen.

Wollen Sie sagen, sozial weniger durchlässige Gesellschaften sind friedlicher?

Ich will damit sagen, dass die soziale Mobilisierung nicht ohne Gefahren abläuft. Das gilt auch heute. Die Migranten holen schneller auf als wir ahnen. In Berlin sind ganze Straßenzüge in türkischer Hand, mit tollen Hotels, Gasthäusern... Wir bilden uns ein, wenn die Migranten bessere Bildung haben, werde Friede herrschen. Aber indem sie aufholen, müssen die sozialen Spannungen keineswegs geringer werden – sie können sich vergrößern. Ein anderes Beispiel: Der Völkermord an den Armeniern 1915. Die Armenier waren alphabetisiert, beherrschten die Städte und den Handel, die Türken belieferten die Märkte. Erst als die Jungtürken zu Beginn des 20.Jahrhunderts sagten, auch Türken sollen lesen und schreiben lernen, sich westlich orientieren, modern werden – in diesem Moment entwickelten sich bis dahin begrenzte Spannungen bis zum Völkermord. Ähnlich lagen die Verhältnisse zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda.

Am umstrittensten ist Ihre Darstellung, in der Sie die Ideologie der Sozialdemokratie mitverantwortlich für die Judenvernichtung machen. Deren Gleichheitsdenken habe den Neid auf die erfolgreicheren Juden gefördert...

Man muss sich fragen, warum der Hang zur Gleichheit gerade in Deutschland und Österreich so stark war. Da war die Sozialdemokratie prägend. Woher kommt das Kollektivistische? Warum wählten so viele Sozialdemokraten Hitler? Wieso gingen sozialer und nationaler Egalitarismus im ehemaligen Ostblock nach 1989 so zusammen?

Also weg mit dem egalitären Denken?

Ich bin nicht dafür, den Egalitarismus abzuschaffen, wir verdanken ihm viel. Es geht darum zu verstehen, dass Böses auch aus guten Ideen entstehen kann; Ideen, die wir auch weiterhin für richtig halten dürfen. Das macht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht leichter, aber lehrreicher.

Zur Person

Götz Aly. geb. 1947, arbeitet vor allem zu den Themen Euthanasie, Holocaust und Wirtschaftspolitik der nationalsozialistischen Diktatur (bekannt wurde etwa „Hitlers Volksstaat“). 2008 veröffentlichte er „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“, in dem er Analogien zwischen 68er- und Nazi-Generation zog. Thema seiner öffentlichen Vorlesung: „Die ,Euthanasie‘ – Morde 1939–45“. [DPA]