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Ein glühender EU-Anhänger leitet das Nobelkomitee

(c) REUTERS (ANATOLII STEPANOV)
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Thorbjørn Jagland wollte schon seit Längerem den Nobelpreis der Europäischen Union zukommen lassen. Nun fiel die Entscheidung dazu einstimmig.

Oslo. Als Thorbjørn Jagland im Festsaal des Osloer Nobelinstituts vor die Mikrofone trat, hatten sich die Gerüchte, die zuvor von Möchtegern-Insidern noch als „ausgeschlossen“ oder „hoffentlich nicht“ abgetan wurden, längst zur Gewissheit verdichtet: Die Europäische Union erhält in diesem Jahr den Friedensnobelpreis. Jagland, der Vorsitzende des Nobelkomitees, holte tief Luft, sprach aus, was viele immer noch nicht glauben wollten: „The European Union“, und in Oslo mussten die Kommentatoren erst die passende Grimasse finden, um diese Nachricht zu verdauen.

Für Jagland dürfe die gegenwärtige Krise nicht vom „wichtigsten Verdienst der EU“ ablenken: Dass ihre „stabilisierende Rolle“ Europa von einem „Kontinent des Krieges in einen des Friedens“ verwandelt hat. Dafür die EU nicht zu belohnen, wäre eine „Unterlassungssünde“ gewesen, vergleichbar nur mit dem Versäumnis, dass Mahatma Gandhi den Nobelpreis nie erhielt, meint Geir Lundestad, der Direktor des Nobelinstituts. Gandhi wurde ermordet, ehe er ausgezeichnet werden konnte.

 

„Steckenpferd“ Europa

Jagland, als glühender EU-Anhänger bekannt, trat 2009 ins Komitee ein und übernahm gleich dessen Vorsitz. Von Anfang an ist gemunkelt worden, dass ein Nobelpreis für die EU sein Herzensanliegen sei. Gerade deshalb werde er sich hüten, sein Steckenpferd zu reiten, meinten viele. Doch mit dem mächtigen Lundestad als Verbündetem, der als Sekretär des Komitees zwar kein Stimmrecht, aber jede Menge Einfluss hat, trotzte er dem fünfköpfigen Gremium sogar eine einstimmige Entscheidung ab. Der Vorwurf: Jagland nütze den Status als Nobeljuror, um der EU Ehren und Sympathien zuzuschanzen. Dies weist er zurück: Man müsse die Rolle anerkennen, die die EU für den Frieden in Europa gespielt hat.

 

Niemand will Barroso zujubeln

Das war dann die Deutung, die später auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg übernahm, der selbst EU-Befürworter ist, aber mit zwei Parteien regiert, die einen Beitritt Norwegens ablehnen. Dies tun auch die meisten Norweger: 72 Prozent sind laut jüngsten Umfragen gegen eine Mitgliedschaft, so viele wie noch nie, und das wird auch der Nobelpreis kaum ändern. Die Nobelfete im Dezember ist ein Volksfest, bei dem Tausende die Preisträger mit einem Fackelzug ehren. „Kann sich jemand vorstellen, dass jemand zum Grand Hotel zieht, um José Manuel Barroso oder Herman Van Rompuy zuzujubeln?“, fragen norwegische Kommentatoren. Auf die Frage, ob er nun eine Debatte über seine Rolle erwarte, spielte Jagland den Erstaunten. Schließlich habe der Preis nicht nur eine historische, sondern auch eine höchst aktuelle Relevanz: Mit der kommenden Aufnahme Kroatiens, den Verhandlungen mit Montenegro und dem Kandidatenstatus für Serbien trage die EU zur Befriedung in einer Region bei, in der die „Menschen einander vor zehn Jahren noch abgeschlachtet haben“. So stehe die EU für die „Verbrüderung der Völker“, ganz im Sinn des Preisstifters Alfred Nobel, meint Jagland.

Ihm ist es geglückt, mit der vierten Preisvergabe unter seiner Ägide zum vierten Mal Verblüffung und Kritik auszulösen. 2009 setzte er im Alleingang die Ehrung für US-Präsident Barack Obama durch, die mittlerweile wohl nur noch Jagland selbst als geglückt ansieht. Der im Vorjahr gekürten liberianischen Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf werfen Kritiker schwere Menschenrechtsverletzungen vor.

Die Entscheidung über den Nobelpreis ist ein Prozess, der sich über viele Monate hinzieht. Bis zum 31. Jänner müssen die Kandidaten nominiert sein; ein Vorschlagsrecht haben neben Parlamentariern und Regierungsmitgliedern aus aller Welt auch Universitätsprofessoren relevanter Fakultäten und ehemalige Preisträger.

 

Jurorenplätze nach Parteienproporz

Aus den mehr als 200 Vorschlägen wird dann ausgesiebt, bis dem Komitee eine Liste von Kandidaten vorliegt, die in die engere Auswahl kommen. Dann beginnt die heiße Phase, in der es gilt, die Nachhaltigkeit der Aspiranten zu prüfen. Lundestad spielt dabei dank seines Netzes weltweiter Verbindungen eine Schlüsselrolle. Die Entscheidung aber treffen die Mitglieder des Nobelkomitees, die vom Parlament in Oslo für jeweils fünf Jahre ernannt werden. Die Plätze werden nach dem Parteienproporz besetzt, nicht jedoch von aktiven Politikern eingenommen. Gegenwärtig besteht das Gremium aus zwei Sozialdemokraten und je einer Konservativen, einer Linkssozialistin und einer Vertreterin der rechten Fortschrittspartei. Dass das Komitee die diesjährige Entscheidung traf, während die (EU-kritische) Linkssozialistin Ågot Valle krank war, hat dem Vorsitzenden Jagland den Vorwurf eingebracht, er habe den Pro-EU-Entscheid „durchgeputscht“. Valles Ersatzmann Gunnar Stålsett kommt jedoch von der genauso EU-feindlichen Zentrumspartei. Nach jeder umstrittenen Entscheidung beginnt eine Debatte, ob man die Auswahl nicht einem internationalen Gremium überantworten sollte. Doch genauso regelmäßig endet sie damit, dass alles bleibt wie gehabt.

Im Wortlaut

Das Norwegische Nobelkomitee hat entschieden, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische Union (EU) vergeben wird. Die Union und ihre Vorgänger haben über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung beigetragen. Seit 1945 ist diese Versöhnung Wirklichkeit geworden. ... Über 70 Jahre hatten Deutschland und Frankreich drei Kriege ausgefochten. Heute ist Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar. Das zeigt, wie historische Feinde durch gut ausgerichtete Anstrengungen und den Aufbau gegenseitigen Vertrauens enge Partner werden können.

...Die Teilung zwischen Ost und West ist in weiten Teilen beendet. ... Die Demokratie wurde gestärkt. Viele ethnisch bedingte Konflikte wurden gelöst.

Die Aufnahme von Kroatien als Mitglied, die Einleitung von Aufnahmeverhandlungen mit Montenegro und der Kandidatenstatus für Serbien wird den Prozess der Aussöhnung auf dem Balkan voranbringen.

Die EU erlebt derzeit ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Unruhen. Das Nobelkomitee will den Blick auf das lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU sieht: den erfolgreichen Kampf für Frieden, Versöhnung, Demokratie sowie Menschenrechte; die stabilisierende Rolle bei der Verwandlung Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)