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Warum die EU den Friedensnobelpreis bekommt

Europäische Union
Europäische Union(c) Dpa/Lars Halbauer (Lars Halbauer)
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Die Europäische Union hat der Welt gezeigt, dass man Erzfeinde in einem System aus Kompromissen versöhnen kann. Das hat den Frieden gebracht – aber auch neue Zwietracht.

Mit der Wirtschaft hat es begonnen. Mit der Wirtschaft könnte es enden. An der Wiege der Europäischen Union, die am Freitag mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, stand die Einsicht eines Kaufmannssohnes aus Cognac, der sein Vaterland gleich zweimal in Krieg und Flammen hatte untergehen sehen: „Kohle und Stahl sind sowohl Schlüssel zu wirtschaftlicher Macht als auch die Rohstoffe, um die Waffen des Krieges zu schmieden“, schrieb Jean Monnet, einer der Gründerväter des europäischen Einigungswerks.

So ist die heutige EU das Ergebnis eines großen Kompromisses zwischen den blutigsten Erzfeinden, die sich in Europa im 19. und 20. Jahrhundert gegenüberstanden: Deutschland gab die Kontrolle über seine mächtige Kohle- und Stahlindustrie an eine staatenübergreifende Gemeinschaft ab. Frankreich erlaubte es den Deutschen dafür, wieder als gleichberechtigte Europäer am Aufbau eines friedlichen, demokratischen Europas teilzunehmen – und das, obwohl die Deutschen beide Weltkriege ausgelöst hatten.

--> Umfrage: Hat sich die EU den Friedensnobelpreis verdient?

Nichts mehr von Auschwitz hören

Die Wirtschaftskraft Deutschlands zu beschneiden, um neue Kriege zu vermeiden: Das war eine reine Entscheidung von Eliten. Hätte man das deutsche Volk 1951 gefragt, ob es die Gemeinschaft für Kohle und Stahl möchte, hätte es mit Sicherheit ebenso Nein gesagt wie 1957, als in Rom die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet wurde. Dass die Deutschen ihre schwere Schuld nicht einsehen wollten, zeigen Umfragen wie jene aus dem Dezember 1951. Damals erklärten nur fünf Prozent der Befragten, sich gegenüber den Juden schuldig zu fühlen. Hingegen meinten 21 Prozent der Deutschen, dass die Juden „zum Teil selbst verantwortlich sind für das, was ihnen im Dritten Reich angetan wurde“. „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen“, konnte noch im Jahr 1969 CSU-Chef Franz Josef Strauß öffentlich erklären – und viele applaudierten dem bayerischen Kraftmenschen.

Doch das von oben oktroyierte System der Kompromisse funktionierte – paradoxerweise zum großen wirtschaftlichen Nutzen Deutschlands. Europas Völker fanden zueinander, bauten Grenzen ab, schufen einen gemeinsamen Binnenmarkt und damit die Voraussetzungen für jene „Economies of scale“, die der tüchtigen und erfindungsreichen deutschen Industrie einen beeindruckenden Siegeszug bis hin zur Weltmeisterschaft im Export ermöglichten.

 

Das Wunder von 1989

Der Zwang zum Kompromiss, den die damalige Europäische Gemeinschaft auf die wachsende Zahl ihrer Mitglieder ausübte, die mäßigende Kraft des „Acquis communautaire“, also des gemeinsamen Bestandes verbindlicher Regeln, ermöglichte es, postfaschistische Gesellschaften (Portugal, Griechenland, Spanien) ebenso aufzunehmen wie postsowjetische. Und der Geist des Kompromisses ermöglichte auch das größte europäische Friedenswunder seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges: die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands.

Das war nur möglich, weil Deutschlands Kanzler Helmut Kohl zu einem weiteren Akt der Selbstentmachtung bereit war: Die D-Mark war als Vektor deutscher Wirtschaftskraft an die Stelle von Kohlegruben und Stahlwerken getreten. Man wird nie endgültig klären, ob der Verzicht auf die Mark der Preis für die deutsche Einheit war oder nur die Hintergrundmusik. Jedenfalls hat der Euro ein Band um seine heute 17 Mitglieder gelegt, das sie so eng aneinanderfesselt, dass das europäische Einigungswerk erstmals zu zerfallen droht. Ein „Kerneuropa“ schält sich heraus, tüftelt an einem eigenen Eurozonen-Budget mit einem Euro-Finanzminister. Ob das gelingt, steht in den Sternen. Doch ohne den Geist des Kompromisses, ohne die Einsicht, dass man in Verhandlungen immer etwas abgeben muss, damit man sich einigen kann, wird die EU scheitern.

 

Von Sarajewo nach Damaskus

Und noch etwas lehrt der Blick auf die Geschichte des Friedensnobelpreisträgers: Als Mechanismus, mit sich selbst Frieden zu schließen, taugt die EU hervorragend. Kriege in der Welt kann sie nicht beenden. Nach innen ist Konsens eine Stärke, nach außen schwächt er: Das zeigte die beschämende Erfahrung der Jugoslawien-Kriege, als Briten und Franzosen jegliches Eingreifen blockierten. Und es erklärt, warum die EU heute dem syrischen Blutbad tatenlos zusieht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)