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Aborte des Lebens

In seinem „Versuch über den Stillen Ort“ beschäftigt sich Peter Handke mit seinen ganz besonderen Rückzugsräumen: den Klosetts. Und nähert sich dabei zugleich dem Schreiben selbst.

Um gleich die eine Frage zu klären: Ja, bei dem Stillen Ort, um den es in diesem Buch geht, handelt es sich um das Klosett. Der Versuch, den Peter Handke dazu unternimmt, fokussiert auf jenen groß geschriebenen Stillen Ort sogar hauptsächlich, auch wenn uns der Text – da und dort – auch noch andere stille Orte bietet. An einer Stelle fällt für den Stillen Ort der derbe Begriff. Warum, so fragt sich der Schreibende, fällt ihm gerade jetzt, da er vom Abort im Haus des Großvaters (einem gezimmerten Brett mit Blick auf den Misthaufen) spricht, eine Anekdote ein, die seine Mutter erzählt hat. Ihr zufolge soll einstmals ein Kind dem Dorfgeistlichen einen Korb wunderschön geformter Früchte übergeben haben mit der Bemerkung: „Herr Pfarrer, ich soll Sie grüßen von meinen Eltern mit diesen Birnen vom Scheißhausbaum!“

Der Ironie entschlägt sich der Autor ganz. Nur einmal versucht er es kurz damit, kommt aber rasch zum Schluss, dass die Ironie, zumindest im Schriftlichen, nicht seine Sache sei. Den Einbettungen, die das Thema hat, und den Gefahren, die es bietet, entgeht Handke durch eine besondere Ernsthaftigkeit des Schreibens. Am Stillen Ort steht quasi seine Reputation als Schriftsteller auf dem Spiel. Das ist kein geringer Einsatz und verleiht dem Versuch von vornherein Stärke und Kraft.

Gerade auch im Sinn der Abweichung vom Gängigen setzt der „Versuch über den Stillen Ort“ die drei früheren Versuche des Autors fort, jenen über die „Müdigkeit“, den über die „Jukebox“ und den über den „geglückten Tag“. Diese Texte sind 1989/90 entstanden, den großen europäischen Umwälzungen jener Jahre setzten sie eine besondere Hinwendung zum Peripherien, Entlegenen und Unbeachtet-Gebliebenen entgegen. Frappant ist die Begeisterung für Dinge, die gerade im Entschwinden begriffen oder schon lange verschwunden sind.

Der „Versuch über den Stillen Ort“ bietet zunächst eine Bestandsaufnahme jener Stillen Orte, die im Leben des Autor von Bedeutung waren. Aber schon dabei kommt es weniger auf eine Beschreibung der konkreten Örtlichkeiten an, sondern auf eine Darlegung der Ideen, die sich bis heute mit ihnen verbinden. Was Handke in seinem Buch zunächst erzählt, ist tatsächlich die Geschichte seiner Klosetts. An die frühkindlichen Phasen in Berlin kann er sich nicht mehr erinnern, in Griffen dann lag auf dem Klo die slowenische Zeitung des Großvaters. Ein wichtiger Zufluchtsort war die Toilette im Internat. Höchst eindrücklich und ohne jegliche Scham schildert der Autor seinen ersten Tag an jenem Ort. Beim langen Sitzen im Saal habe er sich angemacht, bei den Mitschülern war er von da an unten durch, das Klo dann ein Ort der Befreiung.

In Handkes Werk bereits eingegangen (nämlich in die Bücher „Die Hornissen“ und „Die Wiederholung“) ist die Bahnhofstoilette in Spittal an der Drau. Dort hat der Heranwachsende einst mit seinem Seesack eine ganze Nacht verbracht, um gleich am nächsten Tag, nach Abbruch der geplanten großen Fahrt, ins Elternhaus zurückzukehren. Anschließend dann die Zeit in Graz, widergespiegelt in einer Toilette an der Uni, in der der Autor seine Haare zu waschen pflegte und dabei einmal mit einem seiner Professoren eine erzählenswerte Begegnung hatte. Mit der Engführung von Lebensgeschichte und Abort ist an diesem Punkt allerdings Schluss. Nicht eine Enzyklopädie der Stillen Orte, sondern eine Erzählung darüber legt Handke vor, wobei er auch die Methoden und Hilfsmittel beschreibt, deren er sich in der Entstehung des Textes bedient hat. Jahrzehntelang schon habe ihn das Projekt verfolgt, von zahlreichen Toiletten überall auf der Welt habe er Fotos gemacht, kulturgeschichtliche Abhandlungen gelesen und Freunde und Bekannte befragt.

Dies alles half ihm beim Schreiben nicht weiter. Präzise wie noch in keinem seiner Versuche beschreibt Handke die zugrunde liegende literarische Form. Seit dem gut 20 Jahre zurückliegenden Besuch einer Tempelgartentoilette im japanischen Nara, die in sich nichts als reine Geometrie war, habe ihn der Stille Ort „über das Ding und den Platz hinaus, als Idee“ verfolgt. Seitdem sei der Plan, darüber zu schreiben, für ihn zu einer Art „Vorwurf“ oder, wie Handke sagt, „ins Altgriechische übersetzt“, zu einer Art „Vorgebirge“ geworden, das im Schreiben zu umkurven sei, wobei das gedachte Schiff in diesem Zusammenhang die Sprache selbst verkörpert als die eines ständig umkreisenden oder umreißenden Erzählens.

Die Definition, die Handke hier gibt und die seinen Versuch in allen Details bestimmt, entspricht ziemlich exakt jener Antwort, die Theodor W. Adorno auf die Frage gegeben hat, wie denn ein Denken und Darstellen auszusehen hätte, das den Gegenstand seiner Begierde sanft umkreist und mit ihm kokettiert, anstatt ihn methodisch und begrifflich zu exekutieren oder etwa auch vor ihm in Anbetung zu erstarren. Der Essay in seiner abendländischen Tradition sei jene Form, die genau das vermag, und einen glänzenden Essay genau in diesem Sinn hat Handke geschrieben. Der Stille Ort in ihm ist letztlich ein erzählerisch konstruierter Ort, denn nur in der Art und Weise, in der Handke von ihm erzählt, gewinnt er Form und Kontur.

Am Ende des Versuchs wird klar, um was für einen Ort es sich handelt. Es ist ein Ort der Abgeschiedenheit und des Rückzugs, den ein jeder jederzeit aufzusuchen vermag mit dem einfachen Satz: „Ich muss schnell mal raus!“ Nicht um die Herstellung von Weltabgeschiedenheit geht es dabei, sondern darum, dass vom Stillen Ort Wege auch wieder in die Welt zurückführen. Eingepasst in eine Welt neuer Medien, die heute überallhin reichen, ist der Stille Ort gerade auch ein Ort der klassischen Medien von Handschrift und Buch.

Geschrieben an einem speziell abgeschiedenen Ort in Frankreich (der kleinen Gemeinde Marquemont im Vexin) zu einer speziellen Zeit (den vermeintlich dunkelsten Wochen des Jahres im Dezember) und in einer speziellen Form (Bleistift), wird für den Schreibenden das Schreiben selbst zu jenem Stillen Ort, an dem er sich versucht. Über den realen Toiletten seines Lebens errichtet er so einen imaginären Raum, der in sich eine unerbittliche Verteidigung des Lesens und Schreibens ist. Niemand muss mit diesem wunderbaren Buch aufs Häusl gehen, um das zu verstehen. ■





Peter Handke
Versuch über den Stillen Ort

110 S., geb., €18,50 (Suhrkamp Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)