Ruanda, der Genozid und die Traumata der Menschheit

Welcher Hochverrat an der Menschlichkeit hat mich zutiefst erschüttert? Und was hilft mir, den Bruch zu überwinden?

Karima, mein ruandischer Freund, ist Hutu. 1994 wurde er als Vierzehnjähriger Zeuge des ruandischen Bürgerkriegs, in dem etwa eine Million Tutsi durch Macheten und Maschinengewehrkugeln ihrer Hutu-Brüder ums Leben kamen.

„Damals habe ich den Glauben an die Menschheit verloren“, sagt Karima. „Ich habe erlebt, wie verführbar Menschen sind.“ Seine Brüder landeten im Gefängnis, weil sie sich geweigert hatten, beim Morden mitzumachen.

Auch die katholische Kirche, der die meisten Ruander angehören, konnte den Genozid nicht aufhalten. Warum Karima trotzdem noch glaubt und Priester geworden ist, möchte ich wissen. „Die Vergebung hat mich gestärkt. Jene, die den Mördern vergeben haben. Jene, die in die Gefängnisse gegangen sind, um den Mördern ihrer Mutter oder ihrer Kinder zu vergeben. Sie wurden für verrückt gehalten. Aber ich denke, es ist eine übermenschliche Kraft, die es manchen ermöglicht hat, zu vergeben.“

Unter meinen Studenten in Nairobi gibt es Freundschaften zwischen Hutu und Tutsi. Nach bald zwei Jahrzehnten beginnen sie zaghaft, über die Ereignisse des Genozids zu sprechen, über das Leid auf beiden Seiten.

Jesus war erschüttert und bekräftigte: „Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten.“

Joh 13,21

Auch wenn der Glaube im Völkermord vielfach versagt hat, hilft er manchen, mit der unfassbaren Vergangenheit umzugehen. Es hilft, die Erfahrung der Verfolgung durch Nachbarn und Freunde in biblischen Texten ausgesprochen zu finden: „Nicht ein Feind verhöhnt mich, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Gegner tut groß gegen mich – vor ihm würde ich mich verbergen; sondern du, ein Mensch meinesgleichen, mein Freund und mein Vertrauter, die wir miteinander Gemeinschaft genossen, ins Haus Gottes gingen in der Menge!“ (Psalm 55).

Josef, der als Jugendlicher von seinen Brüdern beinahe umgebracht wurde, kann sich nicht mehr halten, als er nach Jahrzehnten die Brüder wiedersieht – und erstmals den kleinsten, dessen Unschuld den Bruch in der Familie zu heilen hilft: „Josef eilte, denn er war zuinnerst berührt über seinen Bruder und er musste weinen.“ (Genesis 43,30)

Das Johannesevangelium sagt von Jesus nur in zwei Episoden, er sei „erschüttert“: beim Tod seines Freundes Lazarus, und als er vor seinem eigenen Tod steht, der von Judas, einem Freund, herbeigeführt wird. Auch Jesus bekommt die übermenschliche Kraft, seinen Mördern zu vergeben.

Karimas größter Wunsch ist es, einen Beitrag zur Versöhnung in Ruanda zu leisten. Hochverrat an der Menschlichkeit erschüttert Biografien von Einzelnen, Familien und Nationen. Welche Unmenschlichkeit hat mich erschüttert? Was hilft mir, den Bruch zu überwinden?


Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)