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Am Rand der Welt zum Zuschauen verdammt

Auckland
Auckland(c) AP (ROB GRIFFITH)

Neuseeland ist Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. „Die Presse“ befragte vier Schriftsteller über das Leben und Schreiben in dieser isolierten Ecke der Welt.

Auckland. Sarah Laing steht vor den Regalen des Time Out Bookstores in der Mt. Eden Road in Auckland und sucht. Nicht irgendein Buch, sondern ihr Buch. Die neuseeländische Literatur finde man selbst in unabhängigen Buchläden wie diesem hier oft ganz hinten, sagt sie. Versteckt hinter Bestsellern aus den USA und Großbritannien. „Aber wenn sie meine Bücher haben, ist das wirklich gut. Ich liebe Buchläden, die meine Bücher haben.“ Sie lacht.

Ein etablierter Autor hätte jetzt gesagt: „Man sollte nicht des Geldes wegen schreiben, sondern weil man nicht anders kann.“ Aber Laing redet schnell und ehrlich und gehört mit ihren 39 Jahren noch zum literarischen Nachwuchs Neuseelands. Wie die meisten der jungen Autoren hier kann sie nicht vom Schreiben leben. Der Markt ist klein. Nur 4,4 Millionen Menschen bevölkern die beiden Inseln am Rand der Welt.

Laing schrieb erst Gedichte, dann Kurzgeschichten, dann ging die studierte Grafikdesignerin 2001 für anderthalb Jahre nach New York. Dort schrieb sie ihren ersten, teils autobiografischen Roman „Dead People's Music“ – „Die Musik toter Menschen“. „OE“ – Overseas Experience nennen die Neuseeländer die Auslandserfahrung, die die meisten jungen Neuseeländer nach der Schule oder dem Studium sammeln. Eine Erfahrung, die sich auch in Laings Debüt wiederfindet.

 

Als Land ignoriert

Doch während die Autorin ihre Heldin nach New York auswandern lässt, kehrte Laing selbst nach Neuseeland zurück. Sie mag die „leicht unsichere Außenseiterperspektive“, die das Inselleben mit sich bringt, fernab der Machtzentren in Europa oder den USA. Das lasse einen die Dinge infrage stellen, die in der Welt passieren. Andererseits sei man oft zum „Zuschauen verdammt“. Wird als Land vielleicht sogar ignoriert. So etwas nagt natürlich am nationalen Selbstbewusstsein, sagt Laing.

Das nationale Selbstbewusstsein ist Lloyd Jones herzlich egal. Aber die Sache mit der „Außenseiterperspektive“ hätte er abgenickt. Jones, dunkles Jackett, sonnengebräuntes Gesicht, sucht sich einen Tisch im Hof des Landeskunde-Museums Te Papa in Wellington. Drinsitzen ist nicht sein Ding, auch wenn hier draußen der typische Wellington-Wind tobt, der schon Menschen von der Hafenpromenade ins Meer geblasen hat. Jones glaubt, die Isolation falle vielen Kiwis gar nicht auf. Der Grund: „Neuseeländer haben eine eigenartige Verbindung zu Küsten.“ Da stehe man gleichzeitig „im Land und außerhalb“. Man befinde sich am Rand der Dinge. „Das ist ein seelischer Zustand, mit dem wir uns ziemlich wohlfühlen.“ Er selbst habe die Isolation nie gespürt. Bis er begann zu reisen.

Jones, 1955 geboren, sagt Sätze wie: „Man sollte nicht des Geldes wegen schreiben, sondern weil man nicht anders kann.“ Der Autor ist eine bekannte Größe, nicht nur in der hiesigen Literaturszene. Ende der 1990er reiste der ehemalige Journalist auf die vom Bürgerkrieg gebeutelte Insel Bougainville und lebte in der autonomen Region von Neuguinea eine Zeit lang mit den Rebellen. Das Resultat: der Roman „Mister Pip“, ein Commonwealth Writers‘ Prize und ein Platz auf der Shortlist des Booker Prize.

Derartige Lorbeeren scheinen auch für Eleanor Catton nicht unerreichbar. Die 27-Jährige sitzt ein paar Meter weiter bei einem Milchkaffee in Wellingtons Ausgehmeile Cuba Street. Ihr Debütroman „Die Anatomie des Erwachens“ über Jugendliche an einer Schauspielschule wurde bereits in zahlreiche Sprachen übersetzt. Doch ihr neuer Roman bereitet ihr Kopfzerbrechen. „Beschäftigt man sich in Neuseeland mit ethnischen Fragen, braucht man dafür nicht so sehr Feingefühl als vielmehr Wissen.“ Über Whakapapas (Ahnenreihen), Namen und Mokos (Gesichtstattoos). Zumindest, wenn man wie Catton plant, einen Maori-Charakter zu erschaffen. Denn macht die junge, weiße Autorin einen Fehler, fällt Maori-Lesern das auf.

 

Fordere dich selbst heraus

In „Die Anatomie des Erwachens“ hat Catton das Thema deswegen gemieden. „Weil ich damit nicht umgehen konnte.“ Aber als Schriftsteller könne man schließlich nicht sein ganzes Leben Dinge meiden, vor denen man Angst hat oder die zu groß erscheinen. „Fordere dich selbst heraus“, sagt sie, lacht und nippt am Kaffee.

Patricia Grace würden wahrscheinlich keine Fehler beim Konstruieren einer Ahnenreihe unterlaufen. Aber Grace ist auch keine Pakeha, keine Weiße, sondern die Grande Dame der Maori-Literatur. Die 74-Jährige steht auf dem Marae, dem Versammlungsplatz ihres Stammes in Hongoeka 30 Minuten nördlich von Wellington. Es ist ein sonniger Spätsommertag. Grace' lange, graue Haare flattern im Wind, der vom Meer herüberweht. Zu Turnschuhen trägt sie Jeanshemd und traditionelle Ohrringe aus grüner Jade. Hinter der Autorin ragt das kunstvoll geschnitzte Wharenui – das Versammlungshaus – in den blauen Himmel.

„Das Haus“, sagt Grace, „ist so etwas wie eine Bibliothek der Geschichte dieser Gegend hier.“ Zumindest für die, die die Sprache der ausgestellten Schnitzereien, Webmuster und Malereien verstehen. Doch bei Weitem nicht alle Maori können die Zeichen lesen. Grace findet das problematisch. Sie sieht darin einen Grund für die hohe Arbeitslosigkeit, den Alkoholmissbrauch, die häusliche Gewalt in Maori-Familien. „Trauer und Verlust“ machten die Maori zu Verlierern der Gesellschaft. Wenn Grace „Verlust“ sagt, meint sie „den Verlust der Sprache, von Land, von Kultur. Bis zu dem Punkt, an dem Menschen nicht wissen, wer sie wirklich sind.“

Grace wirkt bescheiden, fast schüchtern. Politisch wollte sie nie sein, sondern einfach den Alltag ihrer Mitmenschen beschreiben. Heraus kamen preisgekrönte Werke wie ihr zweiter Roman „Potiki“. Als das Buch 1986 erschien, löste es einen Skandal aus, weil es auch im englischen Original einige Worte und Passagen in Maori enthält. Prompt wurde Grace angefeindet. Sie würde Weiße bewusst ausgrenzen, weil sie kein Glossar benutze. Dabei sei ein Glossar doch „für Fremdsprachen“ gedacht, sagt sie. Und Maori im eigenen Land eine Fremdsprache? „Ich dachte, es sei Zeit für die Menschen in Neuseeland aufzuwachen.“ Heute ist Maori, neben Englisch und Zeichensprache, offizielle Landessprache Neuseelands.

Die Autoren, die Bücher

Autoren: Patricia Grace, * 1937, lebt in Plimmerton bei Wellington. Auf Deutsch erschienen: Potiki, Drei Cousinen, Berg der Ahnen.

Lloyd Jones, * 1955, lebt in Wellington und auf einer Farm Nahe des Wairarapa-Sees. Auf Deutsch erschienen: Mister Pip, Die Frau im blauen Mantel.

Sarah Laing, * 1973, lebt in Auckland. Bücher: Dead People's Music.

Eleanor Catton: * 1985, lebt in Wellington. Auf Deutsch: Die Anatomie des Erwachens

Essen: Depot, 86 Federal Street, Auckland, www.eatatdepot.co.nz, 0064/9/363 7048, Fergburger, 42 Shotover Street, Queenstown, www.fergburger.com,

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)