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Reinhard Olt: »Mag keinen journalistischen Einheitsbrei«

Reinhard Olt (Archivbild)(c) APA (Renate APOSTEL)
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Seit 1994 arbeitete Reinhard Olt als Korrespondent der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« in Wien, beobachtete von hier aus auch das Geschehen in Ungarn und Slowenien. Inzwischen im Ruhestand, zieht er Bilanz.

Herr Kollege Olt, schwimmen Sie eigentlich gern gegen den Strom?

Reinhard Olt: Ja, das habe ich immer gern getan, und ich tue es immer noch gern. Ich mag keinen Einheitsbrei. Ich habe große Sorge, dass gerade auch im Journalismus die „Vermainstreamung“ immer weiter voranschreitet.

Was meinen Sie damit?

In österreichischen wie auch in deutschen Medien ist eine starke Verknappung und ein Hang, an der Oberfläche zu verbleiben, festzustellen. Es wird immer weniger Tiefgründiges, Hintergründiges geboten. Alles wird mitgemacht, was uns abends das Fernsehen vorgibt, und es wird wiedergekäut, was von den Nachrichtenagenturen vorbestimmt ist. Die Redaktionen sind viel zu stark darauf fixiert, was in diesen Agenturen läuft.

 

Woher rührt Ihre Abneigung gegen den journalistischen Einheitsbrei?

Sie reicht zurück in meine Studienzeit. Ich habe unmittelbar nach der 1968er- Revolte studiert. Ich habe mich damals schon gegen alles gewandt, was aus den diversen, eher linksgerichteten studentischen Fachschaftskreisen kam. Am liebsten habe ich getan, wovon die einem abgeraten haben. Damals hat sich meine Grundhaltung geformt: Möglichst nicht mitschwimmen, möglichst versuchen, auch das andere, das, was gegen die Mehrheitsmeinung spricht, anhören. Danach richtete sich auch mein ganzes Recherchetum.

 

Konkret ließ sich Ihr Gegen-den-Strom-Schwimmen in Ihrer Berichterstattung über die Regierungszeit von Wolfgang Schüssel und Viktor Orbáns Ungarn ausmachen. Erfolgte sie aus Sympathie für zwei konservative Politiker? Oder aus Empathie mit den beiden vom linksliberalen Mainstream heftig gebeutelten Rechtspolitikern?

Beides trifft zu. Ich habe im Laufe meiner ziemlich langen Korrespondententätigkeit in Wien festgestellt, dass Wolfgang Schüssel ein hervorragender Politiker ist. Er hat eine enorm rasche Auffassungsgabe, er ist ein großer Analytiker, er kann wie kein anderer Diskussionen, bei denen ein Dutzend und mehr Leute unterschiedliche Standpunkte vertreten, schnell und zutreffend zusammenfassen.

 

Und Viktor Orbán?

Den kenne ich persönlich zu wenig. Bei meinen Beobachtungen zu Ungarn ist mir aber eines aufgefallen: Es gibt bei der Bewertung der innenpolitischen Lage in Ungarn ein paar Stichwortgeber. Und leider neigen Journalisten oft dazu, diese Stichworte sogleich für bare Münze zu nehmen. Das kann ich nicht akzeptieren.

 

Wenn Sie jetzt aber sehen, was da im Umkreis der von Schüssel geführten schwarz-blauen Regierung an Skandalen aufbricht: Müssen Sie da Ihr positives Urteil der Schüssel-Ära nicht etwas revidieren?

Über Schüssel als Menschen und Politiker werde ich mein Urteil nicht ändern. Die Dinge, die während der schwarz-blauen Regierung passiert sind, sind primär an denen festzumachen, die sie verbrochen haben. Wir wissen alle: Wenn der österreichische Regierungschef von seiner verfassungsrechtlichen Stellung her dieselbe Position hätte wie der deutsche Bundeskanzler, nämlich die Richtlinien der Politik zu bestimmen, müsste ich Schüssel für die Skandale haftbar machen. Schüssel war Primus inter Pares, nach dem österreichischen Ministerverantwortlichkeitsgesetz aber sind die Minister für ihr Tun verantwortlich.

Ein Freispruch für Schüssel also ...

Natürlich wird etwas an Schüssel hängen bleiben. Wir erinnern uns, dass er der „Schweigekanzler“ genannt wurde. Er hätte damals, wenn für ihn etwas Anstößiges ruchbar wurde, versuchen müssen, Unregelmäßigkeiten zu unterbinden. So wie ich Schüssel kennengelernt habe, nehme ich an, dass er für sich selbst Rechenschaft ablegen wird.

 

Stichwort „Schweigekanzler“: Mit Ihnen hat Schüssel immer geredet ...

Wir haben viele gute Gespräche geführt. Wir haben auch unter vier Augen über Hintergründiges, was nie in die Zeitung gekommen ist, gesprochen, auch über Personen.

 

Hatten Sie denn nur einen guten Draht zur konservativen Reichshälfte?

Um Gottes willen, da wäre ich als Korrespondent eine völlige Fehlbesetzung gewesen. Mit Viktor Klima bin ich weniger gut zurande gekommen, aber ich hatte ein gutes Arbeits- und Gesprächsverhältnis zu Franz Vranitzky. Alle Politiker sind von mir fair behandelt worden, auch Jörg Haider. Den habe ich erst kritischer gesehen, nachdem ich erlebt hatte, wie er seine Vizekanzlerin und Parteichefin konterkariert und niedergemacht hat.

 

Wie unterscheidet sich die ungarische Innenpolitik von der österreichischen?

Ungarn ist heute eine tief gespaltene Gesellschaft – zwei Lager, die sich mit abgrundtiefem Hass gegenüberstehen. Ich sehe derzeit auch keine Möglichkeit, wie diese Spaltung zu überwinden wäre. Da müssten so viele Hände ausgestreckt werden.

 

Ist nicht zu befürchten, dass in der Machtfülle, wie sie die Fidesz-Regierung in Ungarn mit ihrer Zweidrittelmehrheit innehat, schon der Keim gelegt ist für Machtmissbrauch und Korruption? Und in ein paar Jahren ähnlich wie jetzt in Österreich Korruptionsblasen aufplatzen werden?

Wider alle Beschreibungen des ungarischen Justizwesens durch westliche Medien halte ich die dortige Justiz sehr wohl für fähig, auch gegen Sünden und Korruption, wenn es sie unter den oligarchischen Strukturen rund um die derzeitige Regierung geben sollte, vorzugehen. Natürlich hat auch die Regierung Orbán Förderer im Bankwesen und in den Medien, die die Gunst der Stunde nutzen. Dasselbe haben wir bei früheren linken Regierungen gesehen.

 

Wie schwierig ist politische Berichterstattung über Österreich? Sind die Zugänge für einen Auslandskorrespondenten offen?

Ich habe das nun doch 18 Jahre lang erlebt – egal, unter welcher Regierung: Wenn ich irgendwo – Bundeskanzleramt, Ministerien, Parteien – anrief und um einen Termin bat, habe ich den relativ rasch bekommen. Da ist die Arbeitssituation viel besser als in Deutschland. Man muss sich hier nicht durch einen Pulk von Abwehrern durchkämpfen, man kann in Österreich direkt zum Politiker, mit dem man ein Gespräch führen will, durchstoßen, ohne von einem Schwanz von Pressebetreuern abgewimmelt zu werden. Österreich ist für journalistisches Arbeiten ein hervorragender Ort.

 

In einem früheren Interview haben Sie sich einmal beklagt, dass im heutigen Journalismus die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar immer mehr verschwimmt, die journalistische Ethik immer mehr verludert. Haben sich die Dinge noch verschlechtert?

Im Prinzip gilt die damalige Kritik nach wie vor – und zwar auf ganz Europa bezogen. Denn die Verhältnisse in der Medienlandschaft verändern sich immer weiter. Auch in Deutschland ist es inzwischen so, dass ständig versucht wird, die Dinge kommentaroid zu beschreiben, in Analysen persönliche Standpunkte eingeflochten werden. Ja, früher galt für uns in Deutschland nach dem Vorbild der BBC die strikte Trennung von Nachricht und Kommentar. Diese Trennung verschwimmt immer mehr – und leider sind auch die hinter den Zeitungsprodukten stehenden Kapitalstrukturen immer stärker zu bemerken.

 

Was hat das für Folgen für die Leser?

Wenn die Leser nicht aufpassen, werden sie immer mehr Texte vorgesetzt bekommen, die überhaupt nicht mehr journalistisch sind, sondern die von irgendeiner Wirtschaftsagentur oder Presseabteilung eines Unternehmens fabriziert wurden. Durch die Vermischung ist der heutige Journalismus immer größeren Gefahren ausgesetzt. Das stört mich eminent. Immer mehr sehe ich die Welt von 1984 eines George Orwell vor mir auftauchen, wenn ich unsere Medienlandschaft betrachte.

 

Wird es in zehn, 20 Jahren noch Tageszeitungen geben?

Noch vor fünf, sechs Jahren hätte ich darauf mit einem überzeugten Ja geantwortet, das tue ich heute nicht mehr. Nicht nur, weil ich diverse Studien von Kommunikationswissenschaftlern gelesen habe, sondern weil man es spürt und feststellen kann. Die generelle, globale Entwicklung im Medienwesen läuft auf elektronisierteKommunikations- und Präsentationsformen hinaus, welche das Zeitungspapier sukzessive verdrängen werden. Dennoch hoffe ich, dass ich noch möglichst lange den Genuss gedruckter Berichte, Analysen, Kommentare und Feuilletons für mich habe.

 

1952
Reinhard Olt wird in Haingrund (Hessen) als Sohn eines Bauern geboren. Er studiert Germanistik,
Volkskunde,
osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz, Freiburg und Gießen, wo er 1980 promoviert.

1985
Eintritt in die Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

1994–2012
Korrespondent der „FAZ“ in Wien, von wo aus er auch Slowenien und die letzten zehn Jahre Ungarn beobachtet. Neben der Korrespondententätigkeit nimmt Olt auch Lehraufträge an deutschen und österreichischen Universitäten war. In diesem Herbstsemester lehrt er an der Andrássy-Gyula-Universität in Budapest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)