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Harnoncourts Surprise - ohne Omelette, mit Kanone

Harnoncourts Surprise ohne Omelette
(c) AP (RONALD ZAK)
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Im Musikverein baten Harnoncourt und sein Concentus Musicus zum Auftakt ihres Zyklus zur fantastischen Haydn-Exkursion.

Dass Haydns G-Dur Symphonie, die Herr Van Hoboken unter I:94 verzeichnet hat, eigentlich nicht „Mit dem Paukenschlag“ heißt und auch nicht den Beinamen „Surprise“, nämlich französisch ausgesprochen, wie das gleichnamige Omelette, trägt, das erfuhr man am Samstag von Nikolaus Harnoncourt. Launig und nun auch dank Mikrofons bis auf den letzten Platz im Großen Musikvereinssaal war das zu hören. Schlicht Englisch artikuliert, so klingt der Beiname dieser 1792 in London uraufgeführten Symphonie also richtig. At his best war dann auch Nikolaus Harnoncourt beim ersten Konzert seines Concentus-Musicus-Zyklus im Musikverein. Ging es doch um Haydn und drei seiner Symphonien, neben der „Surprise“ noch um zwei der sechs Pariser, die richtig, weil tatsächlich französisch, die Namen „L'Ours“ und „La Poule“ tragen dürfen.

Welch großer Haydn-Versteher Harnoncourt ist, weiß man längst. Da herrscht eine innige Beziehung, von der man als Hörer profitiert. Erst recht, wenn man Haydns Ideen, die „sprechenden“ Motive in seiner Symphonik, in der wunderbar trocken-humorigen Art des Nikolaus Harnoncourts verbalisiert bekommt.

 

Die Hühner hacken durch den ersten Satz

Also hatte diesmal der französische Bär seinen brummeligen Streicherauftritt im Symphonie-Finale, von den Concentus-Musikern samtig wiegend in den Saal getragen. Inmitten einer lachenden Schar von trinkenden und feiernden Menschen, denen dieser Bär am Nasenring vorgeführt wurde, wie man sich dank Harnoncourt vorstellen konnte. Oder, dass davor, im ersten Satz, ein vor Liebe rasender Orlando für seine Angelica klingend die Bäume ausgerissen hatte, und im Allegretto des zweiten Satzes trotz leidvoller Klage immer noch abgewiesen wurde. Um nichts weniger erfreulich hackten dann die Hühner im zweiten Werk des Abends zornig durch den ersten Satz, bis im Finale zur Jagd aufs gesamte Getier geblasen wurde. Ein musikalisches Vergnügen, dem dann noch die Überraschung fehlte.

Die gelang aber dann grandios: „Geh im Gassl rauf und runter, hängen schwarze Kirschen runter“, dieses angeblich burgenländische Gedicht erklärte Harnoncourt als Vorlage für das berühmte, im Piano vorgestellte Thema des zweiten Satzes, das mit dem berühmten knallenden Paukenschlag gekrönt wird. Ein Effekt, auf den dann natürlich jeder Hörer genüsslich wartet. Doch diesmal wurde er zur echten Surprise. Harnoncourt zündete just an der Stelle eine Kanone. Die schoss mit einem ohrenbetäubenden Kracher einen Konfettiregen vom Orgelbalkon übers Podium. Voilà, aus dem Vorhersehbaren war tatsächlich ein freudig beklatschter Knalleffekt geworden, dem die mit hinreißender Delikatesse musizierten Variationen folgten. Wie insgesamt besonders die „Surprise“ zum Höhepunkt des Abends wurde, in der Harnoncourt ganz bei Haydn und doch auch ganz bei seiner beredten Musizierlaune war. Man dankt! mus

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)