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Uraufführung: "Hakoah Wien" entzückt

Urauffuehrung Hakoah Wien entzueckt
(c) Www.lupispuma.com (LUPI SPUMA Fine Photography)
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Die israelische Regisseurin Yael Ronen erzeugt mit ihrem frechen neuen Stück Lachen und Nachdenklichkeit. Hakoah bedeutet Kraft.

Die Vorgeschichte in „Hakoah Wien“ ist ernst: Herr Fröhlich (Julius Feldmeier), Wiener, Zionist, Fußballer beim starken jüdischen Verein Hakoah, emigriert Mitte der 1930er-Jahre nach Palästina, weil er die Verfolgung nicht hinnimmt, Kriegsgefahr ahnt. Die Geschichte in der Gegenwart ist ernst: Nach dem Tod des Großvaters wird sein Enkel Michael (Michael Ronen), Soldat in Israels Armee, nach Wien entsandt, wo er einen Vortrag hält, der das Image seines Landes verbessern soll. Die Wienerin Michaela Aftergut (Birgit Stöger) konfrontiert ihn danach mit der Vergangenheit seiner Familie. Sie entdeckt ihre jüdischen Wurzeln, er beschließt abzuhauen, will in Österreich bleiben, weil er die Belastung des drohenden Krieges, die Einsätze in den besetzten Gebieten nicht aushält.

 

Eine neue, kritische Generation in Israel

Hakoah bedeutet Kraft. Großvater und Enkel haben viel davon. Das zeigt sich, wenn sie in Traumszenen mit Pathos die Zukunft verhandeln, als Tatmenschen, die sich unter Bedingungen von „No future“ bewähren. Ernstes behandelt Yael Ronen (*1976), aber wie die Regisseurin aus Israel ihr Konzept mit dem Bruder in der Hauptrolle umsetzt, ist sensationell. Seit zehn Jahren haben Ronen und ihr Ensemble in Tel Aviv, aber auch zum Beispiel in Polen und Deutschland, mit ihren Stücken Aufsehen erregt. „Third Generation“ (2008) heißt eines ihrer Dramen. Ronen erzeugt großen Gesprächsbedarf. Das gilt auch für ihr erstes Projekt in Österreich.

Unbekümmert wird in flotten 110 Minuten eine persönliche Geschichte erzählt, die den Hintergrund der allgemeinen, tragischen Geschichte klug aufhellt. Am Samstag wurde das im Schauspielhaus Graz uraufgeführte Stück bejubelt – zu Recht, denn nicht nur Michael Ronen brilliert als Vertreter einer neuen, kritischen Generation, sondern auch das junge Grazer Ensemble entzückt.

Knut Berger spielt einen frustrierten Ersatztorhüter. Der Gatte von Frau Aftergut entwickelt homosexuelle Neigungen, die er an Feldmeier (als Problemknabe Sascha) austesten darf. Das mag zwar wie seichter Boulevard angelegt sein, aber in Kombination mit dem seriösen Stoff wirkt das Komödiantische recht befreiend. Sebastian Klein schließlich gibt in diesem aufgeweckten Quintett einen brutalen Fußballfan. Dieser Ultra darf dann sogar menschlich sein. Klein ist zudem Sportkommentator. In der Rahmenhandlung wird lustvoll die vierte Wand durchbrochen. Alle sprechen das Publikum immer wieder direkt an, und der Gast aus Israel wird penetrant auf seine Sprachfehler im Deutschen aufmerksam gemacht.

 

Der feuchte Traum von Adolf Hitler

Die Bühne (Fatima Sonntag) ist als Sportfeld mit grünem Rasen angelegt, wie im Stadion werden die (Schau-)Spieler angekündigt, die sich in schwarz-weißen Trainingsanzügen aufzuwärmen beginnen. Sie dürfen am Schluss, abgekämpft wie das Nationalteam nach einem Qualifikationsspiel gegen Kasachstan, in kurzen Interviews selbst bewerten, wie ihr Auftritt war: „In zwei Tagen beginnt das Training für Faust!“ Berger ist stolz darauf, wie geschickt er seine Neigungen verstecken konnte. Feldmeier mault: Als jüdischer Großvater sei er wohl eine Fehlbesetzung, nicht aber als Lustknabe. Der wäre wahrscheinlich der feuchte Traum von Adolf Hitler gewesen. Erlöstes Lachen im Publikum. Kein falsches Pathos, keine bewährte Literatur der Betroffenheit, sondern viel provokante Frische ist in Graz zu erleben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)