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Worte vor Sprüngen: Ich komme jetzt heim, ich kann nicht anders

Felix Baumgartners letzte Worte vor dem Absprung aus der Kapsel waren gut gewählt: Knapp und – in der Tradition Neil Armstrongs – bescheiden.

 

Bevor der Sprung geglückt war, dominierte natürlich die Häme. Was Felix Baumgartner wohl sagen würde, kurz bevor er sich aus der Stratosphäre Richtung Erde stürzt, rätselten manche. „Red Bull verleiht Flügel“? Würde er zugeben, dass er selbst zwar einen großen Sprung wagt – der aber für die Menschheit nur ein kleiner Schritt ist? Oder, ganz anders: Würde er vor einem Millionenpublikum privat werden und seiner Freundin einen Heiratsantrag machen?

Das hätte manche gerührt – aber für die Ewigkeit wäre so ein „Willst du mich heiraten?“ nicht gemacht. Ganz abgesehen davon, dass so ein Antrag nicht froh macht, wenn der Ehemann in spe kurz darauf vielleicht in den Tod fällt.

Von Neil Armstrong weiß man ja, dass er sich verhaspelt hat: Als er am 21.Juli1969 um 2.56 Uhr die Mondlandefähre verließ und sein berühmtes „That's one small step for a man – one giant leap for mankind“ an die Bodenstation funkte, verschluckte er vor lauter Anstrengung und Aufregung das „a“, wie er 1986 in einem Interview zugab. So ein Spruch sollte also nicht zu lang sein und einfach zu merken. Auf 39.000 Meter Höhe memoriert man keine Sonette.

Felix Baumgartners kurz vor dem Sprung ins Visier gesprochene „Ich komme jetzt heim“ ist jedenfalls nicht weiter kompliziert. Vielleicht ein wenig zu unpräzise, um als geflügeltes Wort im Wikipedia des 22. Jahrhunderts zu landen. Trotzdem hat er recht getan: Heimkommen, das klingt bescheiden. Das klingt nach einem Kind, das in den Schoß von Mutter Erde zurückkehrt. Auf dem Boden angekommen, schob der Extremsportler in punkto Demut sogar noch eins nach: „Manchmal muss man ganz hoch hinauf steigen, um zu merken, wie klein man eigentlich ist.“

Der Trick ist: Man erhöht den Anlass – und damit scheinbar unabsichtlich sich selbst, so wie Armstrong das schon vorgeführt hat. Man dient Höherem und führt nur aus. „Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir“, soll Luther gesagt haben, als er vor dem Reichstag zu Worms weigerte, seine Thesen zu widerrufen. Belegt ist dieser Ausspruch zwar nicht, aber auch als erfundener ist er ein blendendes Beispiel für demonstrative Bescheidenheit.

Natürlich gibt es Gegenbeispiele und Helden, die so richtig auftrumpfen. „Veni, vidi, vici“, schrieb etwa Cäsar in einem Brief an seinen Freund Gaius Matius, nachdem er binnen Stunden über Pharnakes II. in Pontus triumphiert hatte. Aber: Er schrieb es nur, er sagte es nicht, es war nicht unbedingt dafür bestimmt, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Was er sagte, war: „Alea iacta est.“ Der Würfel ist gefallen. Auch hier waltet eine höhere Macht, das Schicksal, das sich in diesem Fall hinter dem Zufall versteckte: Cäsar überschritt den Rubikon, und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Aber zurück zum Weltraum, den der Mensch so gern erobern möchte – mit Hilfe von Zahlen und Formeln die einen, mit Hilfe von Raumanzügen die anderen. „Zwei Dinge sind unendlich: das All und die menschliche Dummheit,“ meinte Albert Einstein. Sein Nachsatz: „Beim All bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

 

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2012)