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Wirtschaftsnobelpreis: Die „Spieler“ räumen ab

(c) AP (Reed Saxon)
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Der Wirtschaftsnobelpreis geht an die US-Ökonomen Alvin Roth und Lloyd Shapley. Sie kümmern sich nicht um Schulden und Finanzkrisen, sondern um Nierenspenden.

Wien. Der Mensch ist längst kein reiner Nutzenmaximierer mehr. Er ist ein Spieler. Mit den beiden US-Ökonomen Alvin Roth und Lloyd Shapley ging der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bereits zum neunten Mal an Vertreter der Spieltheorie. Diese Disziplin beschäftigt sich mit Konflikten, bei denen das Ergebnis für alle Teilnehmer stets von den Entscheidungen der anderen abhängt. Um zu „gewinnen“, muss also jeder Einzelne immer auch richtig einschätzen, was die anderen Mitspieler tun werden.

Die beiden diesjährigen Preisträger Lloyd Shapley und Al Roth wurden für ihre Theorien der „stabilen Verteilungen und die Praxis des Marktdesigns“ ausgezeichnet, begründete die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften ihre Entscheidung am Montag in Stockholm.

Märkte von Manipulation befreien

So hat etwa Lloyd Shapley, heute emeritierter Professor der Universität von Kalifornien, einen Weg gefunden, wie Wirtschaftswissenschaftler Märkte möglichst sicher vor Manipulation machen können. Ausgehend von der Frage, wie sich eine Gruppe von Männern und Frauen trotz unterschiedlicher Vorstellungen vom Traumpartner unter die Haube bringen lassen, fand der heute 89-jährige eine Lösung, bei der letztlich alle zufrieden waren – und hielt diese unter dem Namen Gale-Shapley-Algorithmus fest.

Soweit die Theorie. Auf den Boden der Realität gebracht hat dieses Modell der knapp 30 Jahre jüngere Al Roth. „Manche sagen, die Ökonomie habe alle Werkzeuge, aber einen Mangel an interessanten Problemen“, zitiert das US-Magazin Forbes den Forscher. „Ich sehe überall Probleme.“

Die großen politischen Probleme der Makroökonomie klammerte der langjährige Harvardprofessor, der heuer an die Universität Stanford wechselt, jedoch meist aus. Statt um Staatsschulden und schlecht konstruierte Währungssysteme kümmerte er sich lieber um Nierenspenden.

Tauschbörse für Nierenspender

Jedes Jahr sterben Nierenkranke, weil es für sie kein passendes Spenderorgan gibt. Um den Anreiz für Spender zu erhöhen, könnten die Nieren mit einem Preis versehen werden. In der Praxis ist das allerdings heikel, weil so auch der illegale Organhandel gefördert würde. Das ist aber noch kein Grund, bei der Verteilung der Organe auf den Markt zu verzichten, sagte Roth – und baute eine Tauschbörse für Nierenspender auf.

Patienten, die einen Verwandten haben, der zwar gerne spenden würde, aber nicht kompatibel ist, können ihn nun an dieser Börse zum Tausch anbieten. Je mehr Menschen der Nierenkranke überzeugt, desto höher seine Chancen, einen passenden Tauschpartner zu finden. Auf Geld verzichtet Roth bei diesem Modell – wie bei den meisten seiner Projekte – komplett. Mittlerweile ist die Nierentauschbörse, die auf dem Gale-Shapley-Algorithmus aufbaut, im US-Bundesstaat New England im Einsatz – mit großem Erfolg.

Die Kritik am Nobelpreiskomitee, dass mitten während der größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg kein Makroökonom den Preis erhalten hat, kümmert Roth wenig. „Mein Blogeintrag könnte sich heute etwas verzögern“, schrieb er auf seiner Internetseite. „Betrachten Sie mich als überrascht.“ Man wird sehen, ob der Nobelpreisträger sich künftig auch mit Fragen zu Griechenland und Eurokrise herumschlagen wird müssen. Am Sonntag widmete er seinen Blogeintrag noch scheinbar wichtigeren Dingen: dem Nobelpreis und der Frage, warum Nationen, die mehr Schokolade essen, die meisten dieser Preise abräumen.

Auf einen Blick

Die beiden US-Ökonomen Alvin Roth und Lloyd Shapley haben den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Sie wurden für ihre Arbeit über die ideale Verteilung an Märkten gewürdigt.

Die beiden Preisträger teilen sich 930.000 Euro Preisgeld. Anders als die übrigen Nobelpreise war dieser Preis nicht im Testament des Stifters Albert Nobel vorgesehen. Der von der Schwedischen Reichsbank gestiftete Preis wird nach dem gleichen Verfahren vergeben wie alle Nobelpreise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2012)