Die stille Revolution bei der Sonntags-Öffnung

Offene Geschäfte. Eine Handvoll Wiener Geschäftsleute pfeift aufs Ladenschlussgesetz und sperrt am Sonntag auf.

WIEN. "Ich erwürge Sie eigenhändig, wenn Sie mich beim Namen nennen", sagt die Boutiquenbesitzerin in der Wiener Innenstadt. Und ihr Blick verrät: Sie würde es tun.

Sie wird am Sonntag ihr Geschäft aufsperren. So wie sie es auch vergangenen Sonntag getan hat - und den Sonntag davor. "Wenn die Fiaker mit den Touristen vorbeifahren, sagen sie: Und das ist eines der wenigen Geschäfte in Wien, das am Sonntag offen hat", erzählt die Geschäftsfrau.

Während am Freitagnachmittag die Spitzen der Wiener Wirtschaftskammer an einem "Runden Tisch" saßen und über die Sonntagsöffnung diskutieren, hängte Elisabeth Kubinger ein Schild in die Auslage ihrer Boutique in der Brandstätte in der Wiener City. "Sonntag 11 bis 17 Uhr geöffnet" steht in großen Lettern geschrieben. Kubinger steht selbst im Laden. Ihre Angestellten haben frei. "Niemand kann seine Angestellten zwingen, am Sonntag zu arbeiten", meint die resolute Geschäftsfrau. Doch niemand soll ihr vorschreiben, was sie zu tun habe. "Ich ziehe das jetzt seit zwei Monaten durch", erzählt Kubinger freimütig. Seit zwei Monaten steht sie sonntags im Geschäft. "Und es war noch kein Sonntag dabei, wo ich kein Geschäft gemacht habe." "Was glauben Sie, mit welcher Freude die Leute am Sonntag einkaufen", berichtet Kubinger. Die Sonntags-Shopper seien nur zu einem kleinen Teil Touristen. Die Mehrzahl seien Wiener.

Wie viele Geschäfte allein in der Wiener City am Sonntag offen halten, können die Sonntags-Revoluzzer nicht beziffern. "Es sind einige", heißt es. Sie alle verstoßen gegen das Ladenschlussgesetz. Ihnen drohen empfindliche Verwaltungsstrafen. Doch sie nehmen das in Kauf. "Weil ich die derzeitig Regelung für dumm halte", sagt eine Unternehmerin. Dabei wird in Wien nachgedacht, wie in anderen Bundesländern eine Tourismuszone zu schaffen. Diese kann nur vom Bürgermeister verordnet werden. In den Tourismuszonen ist es erlaubt, sonntags die Läden auf zu sperren.

Zu den vehementesten Befürwortern der Sonntagsöffnung zählt die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV). Die Hotelgäste würde es nicht verstehen, dass die Läden am Sonntag dicht sind, erklärt ÖHV-Co-Präsident Peter Peer. Er hält nichts von einer Umfrage unter Wirtschaftskammer-Mitgliedern. "Fragt nicht, testet einfach", sagt Peer. Wien solle die Öffnung an einigen Sonntag erlauben. Quasi als Probegalopp. Dann werde sich zeigen, ob die Sonntagsöffnung rentabel ist oder nicht, meint der ÖHV-Chef.

Für Egon Smeral, Tourismusexperte des Wifo, bietet die Sonntagsöffnung einen Standort-Vorteil für den Tourismus. Smeral glaubt auch, dass die Umsätze im Handel steigen würden. "Nachfrage entsteht durch die Möglichkeit", sagt der Wissenschaftler.

Wie andere kleine Boutiquen, spürt auch Kubinger die Konkurrenz der großen Ketten. Sie habe sonntags offen, weil "ich die Einnahmen brauche". Für sie bedeutet die Sonntagsöffnung eine Überlebenschance.

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