Kleine Geschichten über große Locations: Wagner-Hund-Grabmal.
Am ersten Tag fand ich ihn nicht, den Hund. Ich hatte ja noch Zeit. Bayreuth war größer als erwartet, aber der Hund war nicht besonders mobil, weil er ja im Grabe lag. Dafür sah ich eine Menge Autos in der Innenstadt-Fußgängerzone, im Rahmen des Bayreuther Autoherbstes. Zwei davon waren von einer rätselhaften Marke, die ich nicht kannte, Ssang Yong, offenbar aus Südkorea, einziger Weltkonzern mit Doppel-S am Anfang. Ein Aussteller sagte über Mikrofon, dass diese Ssang Yongs gerne von Hobbyfischern gekauft würden.
Ich betrat eine Buchhandlung. Ein Kunde verlangte „das Programm von Bayreuth“. Die Buchhändlerin sagte barsch: „Haben wir nicht.“ Eine Kundin wollte „Bücher, die von Ärzten geschrieben sind“ kaufen. Sie wurde in den ersten Stock geschickt. Der Buchhändler sagte zur Buchhändlerin: „Heute um 14 Uhr heiratet die Anne, meine Ex.“ Die Buchhändlerin sagte: „Sei froh . . . sie war doch so eine ungute Person.“ Der Buchhändler sagte: „Du kanntest sie nicht wirklich!“ Die Buchhändlerin sagte: „Aber sie ist . . . na ja, so hässlich.“ Der Buchhändler sagte: „Du hast sie nie ohne Brille gesehen!“ Beide lachten. Ich ging auf die Straße, bestellte in einem Ecklokal einen Schweinebraten mit E in der Mitte, der nicht und nicht kam. Ich verließ das Lokal und aß an einem Würstelstand (hier wohl Wurstbude) ein Paar Bayreuther und eine geknickte Coburger. Es gab zur Auswahl Bautz’ner Senf, scharfen Senf und Senf. Ich nahm alle drei und beschloss, dass ich den Hund nicht mehr suchen würde.
Ich verstehe wenig von klassischer Musik, aber Richard Wagners Gesamtkunstwerk schien mir immer allzu pathetisch. Außerdem erfüllte mich alles, was ich je über ihn las, mit Unbehagen. Meine persönliche Meinung: Warum fällt das nicht, sozusagen nachträglich, unter das Verbotsgesetz? Um mich zu gruseln, begab ich mich zur Villa Wahnfried, wo all die Wagner-Menschen und Hitler aus und ein gegangen sind. Dieser Nukleus des Deutschtums wurde gerade umgebaut. Ich hatte im Internet nach dem Hund gesucht und eine Liste von Wagner-Hunden gefunden: Freia, Fricka, Fasfolt, Kunde, Putz, Fafner, Robber, Peps, Brangäne, Fips, Pohl, Molly und Russ. Hinter der Villa Wahnfried fand ich endlich den Grabstein des Letzteren, gleich neben der Gruft von Richard und Cosima Wagner. In seltsam irrer Schrift steht darauf: „Hierruhtundwacht / WagnersRuss.“ Wer den Namen des Hundes nicht kennt, liest allerdings „Auss“.
Grab des Wagner-Hundes Russ, vor dem Haus Wahnfried mit Richard-Wagner-Museum (zurzeit geschlossen), Richard-Wagner-Straße 48, Bayreuth, Deutschland.