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Japan heizt mit Kriegsschrein-Visite Streit mit China an

(c) AP
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Japanische Politiker gedenken im Yasukuni-Schrein in Tokio den Toten des Zweiten Weltkriegs. Für Peking eine alljährliche Provokation des Erzfeindes. China kündigt darauf Manöver nahe den umstrittenen Inseln an.

Tokio/Wien. Angesichts der explosiven Stimmung in Ostasien ist der Zeitpunkt brisant: Demonstrativ pilgerten Dutzende japanische Politiker am Mittwoch und Donnerstag zum Yasukuni-Schrein in Tokio, um dort der 2,5 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs zu gedenken – darunter 14 verurteilter Kriegsverbrecher. Für Peking und Seoul ist das eine alljährliche Provokation: China und Südkorea sehen im Schrein ein erniedrigendes Symbol für den aggressiven japanischen Militarismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vergeblich hat Japans Premier Yoshihiko Noda sein Regierungsteam gebeten, heuer Besuche des umstrittenen Schreins zu unterlassen. Denn die sino-chinesischen Beziehungen befinden sich wegen eines ungelösten Territorialstreits um eine unbewohnte Inselgruppe im ostchinesischen Meer seit September auf einem Tiefpunkt. Nodas Warnungen blieben ungehört: Nicht nur Oppositionschef Shinzo Abe pilgerte hin, der laut Umfragen gute Chancen hat, bei möglichen Neuwahlen Regierungschef zu werden. Auch zwei Minister gedachten „aus privaten Gründen“ an dem Schrein medienwirksam der Kriegsopfer.

Die erzürnten Reaktionen aus Seoul und Peking folgten prompt. Doch das KP-Regime beschränkte sich diesmal nicht auf verbale Proteste, sondern nützte die „Provokation“ des Erzfeindes, um demonstrativ die Muskeln zu zeigen: Die offizielle Nachrichtenagentur kündigte für Freitag ein Militärmanöver im Ostchinesischen Meer an – nahe dem umstrittenen Archipel, in Japan Senkaku und in China Diaoyu genannt. Zur Erinnerung: Vier der fünf Inseln waren bisher in japanischem Privatbesitz. Japans Regierung kaufte im September drei Inseln: Peking protestierte, in ganz China kam es zu gewaltsamen antijapanischen Demos.

„Historische Schmach“

Die Inselgruppe liegt in fischreichen Gewässern, zudem werden in der Umgebung Erdöl- und Erdgasvorkommen vermutet. In den vergangenen Wochen hat sich Chinas Marine im Ostchinesischen Meer mehrmals gefährlich nahe an japanisches Hoheitsgewässer gewagt.
Doch beim Inselstreit geht es um mehr als territoriale Dispute – es geht auch um nationalen Stolz. Japans Politiker haben Öl ins Feuer gegossen, als sie den Schrein besucht haben: Historische Ressentiments gegen Japan, gemischt mit Patriotismus, seien in China vor allem der jüngeren Generation sehr präsent, so Nele Noesselt vom German Institute of Global and Area Studies (Giga) in Hamburg.

Immer noch würden in China die Niederlagen gegen Japan sowie deren Massaker als „historische Schmach empfunden“. Besonders gegenwärtig werde deshalb die Vergangenheit immer in Zeiten, in denen sich China und Japan geostrategische Wettkämpfe lieferten, so die Expertin. Ostasiens emotionalisierte und nicht aufgearbeitete Geschichte ist also eine effiziente innenpolitische Waffe, um Hass gegen den Rivalen – und somit patriotische Gefühle zu schüren. Der durch Skandale und den bevorstehenden Machtwechsel geschwächten KP kommt dies entgegen. Dazu Noesselt: Von einer gemeinsamen Aufarbeitung ihrer blutigen Vergangenheit – nach Vorbild Deutschlands und Frankreich – seien die ostasiatischen Giganten derzeit „sehr weit entfernt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)