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Ahnung und Abschied

Mit seiner autobiografischen Kunstprosa, die Gefühl und Reflexion kühn auf die Spitze treibt, beschenkt Julian Schutting seine Leser: „Die Liebe eines Dichters“ – Notate aus sechs Jahrzehnten.

Die Liebe als alles beherrschende Macht – sie verzehrt den, der da liebt, regelrecht, und zugleich ist der, der da schreibt, ein sachlicher Beobachter seiner selbst: Distanziert und analytisch weiß er den Gegenstand seines Gefühls zu behandeln. Jede Zeile ist mit der Leidenschaft eines nüchternen Wissenschaftlers und dem Feuer des Liebenden geschrieben, der sich bis zur Entrücktheit in die Sprache – und was für eine – fallen lässt. Dass es bei so viel Emphase trotzdem keinen Kontrollverlust gibt, wird Schuttings Leser nicht verwundern: Der Autor ist für seine Präzision bekannt; damit beherrscht er seine artifizielle Sprache und zwingt in einem einzigartigen Schreibvorgang das Private in ein Allgemeingültiges.

„Die Liebe eines Dichters“ ist das Ergebnis von Notaten aus sechs Jahren und schließt an das 2006 erschienene Liebesepos „Zu jeder Tageszeit“ an: „Heute, am 20.Mai 2006, wird mit der Nachschrift zu meinem Liebes-Nichtroman begonnen, damit diese Liebe gefestigt fortbesteht.“ Das gibt schon die Form eines sehr konsequenten Liebesdiariums vor. Schutting schreibt keine Romane, Erzählen ist bei ihm kein linearer Prozess, anstelle des narrativen Nacheinanders steht wie im bildnerischen Verfahren die Gleichzeitigkeit – ob es nun um die Liebe geht, um ein Stück Natur, um Kunst. Vor zwei Jahren legte der Autor mit „Am Schreibplatz“ eine große Liebeserklärung an das Schreiben vor. Auf die Liebe zum Schreiben folgt nun wieder jene zur Liebe selbst.

Das eine ist ohnehin nicht vom anderen zu trennen, deshalb sollte man diese drei Prosawerke im Zusammenhang lesen, sie korrespondieren in vielfältiger Weise miteinander, sind sie doch das zur Kunst gewordene Zeugnis der Schreib- und Gefühlswelt ihres Autors. Und sie spielen nicht zuletzt am selben Ort, dem Ausgangspunkt aller Reflexionen: Die Dichterklause, das Fenster vor dem Schreibplatz, ist zugleich der ideale Beobachtungsort auf die Geliebte beziehungsweise deren vor dem Haus geparktes Auto. Sie wohnt ohnehin gleich nebenan.

Hier am Schreibplatz notiert der Dichter, in seinen Gegenstand versunken wie in die Betrachtung eines Kunstwerks, über Jahre hin die Augenblicke seiner Liebe. Hier nehmen Fantasien ihre Ausgänge, werden Gespräche mit der Geliebten, auf Spaziergängen Erlebtes oder Träume analysiert. Hier kann sich der Dichter dem Objekt seiner Begierde nahe fühlen und ihr noch in Gedanken nachsehen – „mit ihr in Gestalt meiner Liebe noch lange am Fenster zu sitzen“ wird als Glücksgefühl zu jeder Tages- und Nachtzeit beschworen.

Das Glück der Nachbarschaft ist allerdings befristet: Die Geliebte macht sich in Etappen davon, räumt ihre Wohnung, übersiedelt in einen anderen Bezirk. Aus der vertrauten Nähe wird Distanz, eigentlich ist es ein Buch vom Abschied, ein Beobachten alles dessen, was sich plötzlich von einem entfernt. Im Haus nebenan bleibt Leere zurück, und „die Scheu, da drüben dein Gewesenes mit Blicken zu berühren“. Das „Tür-an-Tür“, räsoniert der Dichter am Ende, war die ihm „glücklichste Lebenszeit“, seither kommt er sich wie aus dem Paradies vertrieben vor. Und als wäre in der Exaktheit Trost zu finden, zählt er die Schritte und Minuten der neuen Distanz: „5663 steps, 4,53 Kilometer, einundfünfzig Minuten.“ So weit ist die Geliebte nun entfernt, so viel muss er überwinden, um zu ihr zu kommen.

Das örtliche Abschiednehmen ist natürlich ein doppelbödiges Motiv. In ihm liegt schon die Angst vor dem endgültigen Abschied dereinst: Eros und Thanatos, das so simpel erscheinende Grundmuster der Liebesliteratur, hier diffizil und kunstvoll verwoben, in einer Sprache, die einmal sachlich-traurig, dann kühn und überraschend daherkommt, in ihrem Grundton gelassen, abgeklärt – so wird am Ende die Unruhe des Gefühls, die menschliche Angst, der Schmerz, irgendwann etwas zum letzten Mal zu erleben, erfolgreich diszipliniert.

Das heißt natürlich: ein Glücklichsein allein, am Schreibplatz, dem Lebensfixpunkt, wo der Dichter immer wieder auf sein Ureigenstes zurückgeworfen wird: Schreiben und Lebensbetrachtung. Zwischen „Liebesschmerz“ und „Sehnsüchtigkeit“ protokolliert er seinen Alltag, inständig, akribisch. Ebenso intensiv sollte man diese Literatur lesen, im Tempo des Diariums, Tag für Tag immer nur ein paar Seiten.

Ursprünglich hätte dieses Buch ja „Liebesbrevier“ heißen sollen, das hätte noch etwas von der formalen Strenge gehabt, mit der eine Obsession in Form eines Stundengebets beschworen wird. Manchmal fühlt sich der Schreibend-Liebende schon „im Absterben“, der Liebe flüchtig geworden, besonders in schlaflosen Nächten, in denen morbid sinniert wird: „Habe ich, um dich nur ja nicht ins Allerletzte einzubeziehen, ins Greisenasyl oder Sterbehaus einen schwarzen Anzug und schwarze Socken mitzubringen? Eines Tages werden wir uns ein letztes Mal ansehen, ein allerletztes Mal uns angeschaut haben – kann das denn sein?“

Die Ahnung vom Ende, die Reflexion des eigenen, langsam näher rückenden Todes, die Frage, wie das „Letztmalige“ dereinst geschehen soll, schwingt ständig durch den Text. Kleine Abschiede gibt es genug, jedes Mal wenn die Geliebte verreist (was die Liebe zu ihr immer wieder aufs Neue auf die Probe stellt), oder sei es bloß die Trennung beim Einsteigen in die Straßenbahn: „Tür tut sich mir nicht mehr auf, und hinter keinem der Fenster ist deine mir Zeichen gebende Hand zu entdecken.“

Schuttings Sprache ist episch-lyrisch, die Gattungsgrenzen sind fließend, in die Prosa sind Gedichtpassagen eingefügt. Ergebnis ist ein komplexes Sprachkunstwerk, das Gegenteil flott geschriebener Geschichten, die heute den Literaturmarkt bestimmen. Immer von Neuem überrascht Schutting mit artifiziellem Formenreichtum und thematischer Konsequenz, Ureigenschaft seiner Literatur, denn kein Autor arbeitet so verbissen und kunstvoll zugleich an der formalen Übereinstimmung mit dem Gegenstand, noch dazu in einer so unverwechselbaren Handschrift, die im Lauf der Zeit variantenreicher und großzügiger geworden ist.

In den 1970er-Jahren einer der wichtigsten Vertreter der heimischen Avantgarde, ist Schutting neben Friederike Mayröcker heute der letzte große Sprachkünstler in der österreichischen Literatur. Wenn man so will, der letzte wirkliche Dichter. ■


Aus Anlass seines 75.Geburtstags findet am 22.Oktober in der Wiener Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, ab 19 Uhr ein Abend
für Julian Schutting statt.





Julian Schutting
Die Liebe eines Dichters

320S., geb., €24 (Jung und Jung Verlag, Salzburg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)