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Nina Chruschtschowa: "Russland ist ein infantiles politisches System"

Moskau, Roter Platz
Moskau, Roter Platz(c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)
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Die Politiker-Nachfahrin kritisiert ein „byzantinisches Machtmodell“ – und verschont auch ihren Urgroßvater nicht.

Die Presse: Sie kritisieren, dass russische Intellektuelle sich allzu leicht von Präsident Putin in Dienst nehmen lassen. Was sind die Gründe dafür?

Nina Chruschtschewa: Die russische Politik benutzt Menschen aus Kunst und Kultur seit 200 Jahren. Alexander Puschkin war ein liberaler Dichter, aber als er einen Titel bei Hof erhielt, schrieb er dem Zaren sofort ein Gedicht. Sobald der Herrscher Anerkennung zollt, wechseln russische Intellektuelle auf die Seite der Macht. Auch in der Sowjetunion gibt es dafür viele Beispiele. Die Anbiederung erfolgte aus Angst: Man fürchtete um sein Leben. Zumindest gab es damals ein Gegengewicht herausragender Werke. Die heutigen Intellektuellen aber haben nichts zu befürchten, sie kommen nicht ins Gefängnis. Pussy Riot sind im Gefängnis.

Mit dem Fall der Sowjetunion büßten die Intellektuellen ihre zentrale gesellschaftliche Rolle ein. Wenn sie sich nun auf die Seite der Macht stellen, heißt das nicht auch, dass sie damit den Machtverlust ausgleichen wollen?

Das ist richtig. Unter Jelzin wurde in Medien und Unternehmen investiert, die Intellektuellen büßten Bedeutung ein. Putin kam dann in typischer Sowjetmanier und erklärte den Intellektuellen, dass sie von größter soziopolitischer Wichtigkeit seien.

Wozu braucht ein „Macher“ wie er den Segen der Intelligentsia?

Sie verleiht ihm intellektuelle Legitimität. Er hat diesen äußerst provinziellen Zugang zu diesen Persönlichkeiten, wie ein kleiner Bub.

Das russische Machtmodell scheint seit Jahrhunderten stark auf personalisierter Macht zu beruhen. Warum hat sich das nie verändert?

Bis heute ist das Herrschaftsmodell eines Zaren, ein byzantinisches Machtmodell aus dem 14. Jahrhundert, in Kraft. Russland ist ein sehr infantiles politisches System, das nicht erwachsen geworden ist. Es ist auch deshalb schwer zu reformieren, weil es so groß ist. Und es gibt den Religionsaspekt: Orthodox geprägte Länder haben Schwierigkeiten mit Veränderung und Reformen.

Sind Reformen unter Putin noch möglich?

Der Zug ist abgefahren. Ich gehe davon aus, dass ihn seine eigenen Leute absetzen werden. Es wird der Moment kommen, da werden seine Kreise verstehen, dass es sinnvoller ist ihn loszuwerden als ihn zu behalten.

Ihr Urgroßvater Nikita Chruschtschow war auch nur anfangs ein Reformer.

Absolute Macht korrumpiert jeden. Chruschtschow war ein Reformer, aber er ging nicht weit genug. Er wollte den Kommunismus reformieren, während er ein Kommunist war. Er demontierte den größten Tyrannen des 20. Jahrhunderts, aber er hielt das tyrannische System am Leben, ohne zuzugeben, dass es tyrannisch war. Meine Großmutter sagte immer: Der Chruschtschow von 1957 war ein anderer als der Chruschtschow von 1962. Macht ist tödlich. Das ist, was die Intellektuellen in Russland heute erlebten: Putin hat sie geküsst und sie sind tot umgefallen.

Zur Person

Nina Chruschtschowa lebt als politische Analystin in den USA. Sie ist Urenkelin von Nikita Chruschtschow, der von 1953 bis 1964 Parteichef der KPdSU war. [Yuri Dojc]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)