Der Auslandsösterreicher gilt als wohlhabend und als bürgerlicher Wähler. Die Auswertung der Wahlkarten ergab in der Vergangenheit durchwegs überdurchschnittlich gute Ergebnisse für ÖVP und Grüne.
„Kennen Sie einen Auslandsösterreicher?“, fragte die Wiener ÖVP im Jahr 1990 und lobte ein Gewinnspiel aus. Wer der Partei Name und Adresse von Verwandten oder Bekannten im Ausland verriet, konnte auf eine Kreuzfahrt hoffen. Der Grund für das Gewinnspiel war ein ganz simpler: Zum ersten Mal waren Auslandsösterreicher berechtigt, bei einer Nationalratswahl ihre Stimme abzugeben. Und die ÖVP hoffte, mit Zuschriften an die geheimnisvollen Auslandsösterreicher punkten zu können.
Doch es war in keinster Weise den Politikern zu verdanken, dass Auslandsösterreicher wählen dürfen. Dies musste vielmehr ein Bürger vor dem Verfassungsgerichtshof erkämpfen. Die erste Wahl für Auslandsösterreicher 1990 war dann freilich auch noch mit Schwierigkeiten gespickt: Die Formulare kamen oft zu spät an. Und wählen durfte man nur, wenn zwei Zeugen bestätigten, dass das Kreuz geheim gemacht wurde. Alternativ konnte man seine Stimme bei einer österreichischen Vertretungsbehörde abgeben. Inzwischen gelten aber ganz lockere Regeln: Man kann per Brief seine Stimme nach Österreich schicken, ohne Bestätigung eines Zeugen. Was Kritiker als Verletzung des geheimen Wahlrechts brandmarken, ist für andere ein Fortschritt, der das Wählen im Ausland einfacher macht. Dadurch dürften auch mehr Auslandsösterreicher wählen, und ihre Stimme dürfte mehr Gewicht erhalten.
48.000 Wähler registriert. Laut Schätzungen gibt es eine halbe Million Auslandsösterreicher. Behördlich verbrieft sind aber nur 328.542 (Stand: 2010). Der Großteil davon entfällt auf Deutschland, gefolgt von der Schweiz und den USA (siehe Grafik). Doch es kann nur gemutmaßt werden, was diese Menschen ins Ausland gezogen hat und wie es ihnen dort geht. Statistiken über den sozialen Stand gibt es nicht. Als Faustregel gilt: Es geht den Österreichern im Ausland überdurchschnittlich gut, vor allem jene in Deutschland gelten als vergleichsweise reich. In manchen Ländern, etwa Argentinien, leben aber ärmere Auslandsösterreicher. Das Wahlrecht üben jedenfalls nur wenige aus, denn dafür muss man sich noch einmal extra ins Wahlregister eintragen lassen. Rund 48.000 haben diesen Schritt gewagt. Bei der Bundespräsidentenwahl 2010 beantragten knapp 30.000 davon eine Wahlkarte. Die Stimme der Auslandsösterreicher wird in der österreichischen Gemeinde mitgezählt, in der sie registriert sind. Das ist primär der Ort, wo die Person ihren letzten Hauptwohnsitz hatte. Wenn jemand im Ausland geboren ist und nie in Österreich gewohnt hat, stellt man auf den Wohnsitz von Verwandten ab.
Doch was wählen Auslandsösterreicher? Die Auswertung der Wahlkarten ergab in der Vergangenheit durchwegs überdurchschnittlich gute Ergebnisse für ÖVP und Grüne, was auch für die These spricht, dass Auslandsösterreicher eher aus bürgerlichen Schichten kommen. Die SPÖ schneidet etwas besser ab, das dritte Lager auffallend schlechter. Doch diese Statistik hat einen Haken: Denn die Stimmen von Auslandsösterreichern wurden beim Auszählen immer schon mit den Stimmen der Urlauber vermischt. Seit der Einführung der Briefwahl im Inland (bundesweit erstmals angewandt bei der Nationalratswahl 2008) werden die aus dem Ausland stammenden Stimmen nun auch noch mit jenen der heimischen Briefwähler vermischt.
Mehr denn je bleibt somit das Wahlverhalten der Auslandsösterreicher geheimnisvoll. Egal, mit welchen tollen Geschenken Parteien um sie buhlen: Nachdem die ÖVP 1990 durch das Gewinnspiel an die Adressen gelangt war, schickte sie den Auslandsösterreichern Autogrammkarten von Parteichef Josef Riegler.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)