Die heroische »Rote Gräfin« Hermynia

Unfreiwillige Auslandsösterreicher vergaß man schnell – besonders weibliche.

Wie erst jetzt bekannt wird, ist die Wiener Schriftstellerin Gina Kaus, 91 Jahre alt, am 23.Dezember 1985 in Los Angeles gestorben“, meldete „Die Presse“ – wann? Ein halbes Jahr später. Karl Kraus hatte einst ihre erste längere Erzählung als fehlerlos und „wirklich gut“ gelobt. Nach dem Krieg wurde ihr Roman „Teufel in Seide“ ein Bestseller: Es geht um die fatale Liebesgeschichte zwischen einem mittellosen Komponisten und einer reichen Verlagsbesitzerin. Das Buch wurde 1956 mit Lilli Palmer und Curd Jürgens verfilmt. In Hollywood machte Kaus Karriere als Drehbuchautorin. Was in Österreich kaum bemerkt wurde.

Ein Vierteljahrhundert später ist die Spezies, der sie angehörte, so gut wie ausgestorben: die der unfreiwilligen Auslandsösterreicher, der Ausgewanderten, Vertriebenen. Besonders schwer unter den Künstlern hatten es die Schriftsteller, weil ihnen mit der Heimat auch die deutschsprachige Leserschaft abhandenkam. Wenn sie weiblich waren und zu allem Überdruss politisch „falsch“ eingestellt, sanken ihre künstlerischen Erfolgschancen auf nahezu null.


Sprachen, Reisen, Sozialismus. Ein Beispiel dafür ist die erstaunliche Hermine Maria Isabella Folliot de Crenneville, besser bekannt (aber nicht viel besser) unter dem Künstlernamen Hermynia zur Mühlen. Sie war aus dem österreichisch-ungarischen Hochadel und von ihrer Familie für alles Mögliche bestimmt, nur nicht dazu, revolutionär-sozialistische Bücher zu schreiben. Als Kind wuchs sie bei der liberalen Großmutter in Gmunden auf und reiste viel.

Nach einer kurzen und katastrophalen Ehe mit einem baltischen Junker übersetzte „Hermynia“ in unfassbarem Umfang aus dem Russischen, Englischen, Französischen und machte so u.a. die Romane Upton Sinclairs in Europa berühmt. Sie selbst schrieb unter anderem mehrere Wiener Gesellschaftsromane, in denen sie auch den Weg in den Nationalsozialismus thematisierte, sowie eine höchst erfolgreiche Autobiografie.


Verzicht auf die Erbschaft.Hermynia zur Mühlens „Bruch mit ihrer Jugend und mit ihrer Gesellschaftsschicht ist ungewöhnlich und fundamental“, schreiben die Germanistinnen Christa Gürtler und Sigrid Schmid-Bortenschlager. Ihre Kompromisslosigkeit ist selbst unter den NS-kritischen Schriftstellern auffallend. Sie verzichtete sogar nach dem Tod ihrer Mutter auf die Erbschaft, weil sie dafür einen „Ariernachweis“ hätte erbringen müssen (was für sie ein Leichtes gewesen wäre). Dabei hätte sie das Geld für ihre Flucht nach England dringend gebraucht.


In Österreich ignoriert. Aus der KP soll Hermynia zur Mühlen bereits bei den ersten Stalin-Prozessen ausgetreten sein, nur fand sie es nie nötig, sich demonstrativ öffentlich zu distanzieren. Kein Wunder, dass ihr das Österreich der Nachkriegszeit keine Anreize bot zurückzukehren; obwohl sie mit dem Gedanken spielte, blieb sie bis zu ihrem Tod 1951 in London. In Österreich sah sie keine Möglichkeit zu arbeiten und zu veröffentlichen.

Was sie unter Patriotismus verstand, zeigte sie etwa, als ihr Verlag sie 1932 bat, wie Thomas Mann oder Stefan Zweig aus Rücksicht auf ihre Verkaufschancen die Mitarbeit an einer Exilzeitschrift einzustellen. „Das kann ich weder mit meiner Überzeugung noch mit meinem Reinlichkeitsgefühl vereinbaren“, schrieb sie. „Was aber den Vorwurf des Landesverrats betrifft, so würde ich als Österreicherin dann Landesverrat begehen, wenn ich mit meinen bescheidenen Kräften das Dritte Reich nicht bekämpfen würde.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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