Walter Lendl: Durchs Exil für Nestbeschmutzer

Walter Lendl Durchs Exil
(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Der Steirer Walter Lendl wanderte nach Berlin aus und schrieb das Buch "Darum nerven Österreicher". Ein Cityguide für alle, die zuweilen auch an Flucht denken.

Auf die Österreicher ist kein Verlass mehr. Da profiliert sich einer so richtig als Nestbeschmutzer, wandert nach Berlin aus und schreibt dort ein Buch mit dem Titel „Darum nerven Österreicher“. Und was machen seine Landsleute? Sie haben das augenzwinkernde Pamphlet von Walter Lendl in Scharen gelesen und, weit schlimmer, darüber gelacht. Früher hätt's das nicht 'geben. Deshalb hat Lendl jetzt eine Schmähschrift über die Berliner verfasst. Die fühlen sich wenigstens „angepisst“ und pissen zurück. Die Saat der Satire geht hier noch auf.

Der Grafikdesigner aus der Oststeiermark sitzt im Ottenthal Spezial in Charlottenburg. Er ist dann doch recht froh, dass es jetzt in seiner Nähe dieses österreichische Café gibt, wo man eine ordentliche Melange bekommt und kein Käffchen. Das Lächeln der Kellnerin gibt es gratis dazu. „Unsereins leidet unter der ruppigen Berliner Art.“ Lendl mag es, wenn er einmal nicht angeschnauzt wird: „Auch wenn es nicht ehrlich gemeint ist: Die Oberflächlichkeit, die man uns vorwirft, macht das Leben auch angenehmer.“

Après-Ski statt braune Blasen.
Das empfinden längst auch viele Berliner so. Die Auswahl an österreichischen Gaststätten in der deutschen Hauptstadt wächst. Es muss ja nicht gleich die Karikatur sein, das Szenelokal „No Kangaroo“ in Kreuzberg, „wie eine Skihütte, wo Kellnerinnen in knappen Dirndln mit großem Dekolleté aus dem umgehängten Schnapsfass servieren“.

So etwas weckt Erinnerungen an einen berauschten Urlaub. Davon abgesehen interessieren sich die Deutschen herzlich wenig für die Alpenrepublik: „Österreich kommt nicht vor. Außer bei einem Skiunglück, braunen Blasen oder Kuriositäten wie Stronach.“ Diese Missachtung nährte lange den Minderwertigkeitskomplex der „Ösis“. Die Kratzer am Selbstbewusstsein reichen bis nach Königgrätz zurück. Die Siegessäule bietet nicht nur den schönsten Ausblick über Berlin, sie erinnert vor allem an gewonnene Schlachten, auch gegen Österreich.

Immer waren die Deutschen besser und reicher. Das hat sich geändert: „Die Österreicher sind ja total glücklich, dass die Deutschen zu ihnen arbeiten kommen“, als Kellner nach Tirol oder als Buchhändler nach Wien. Die Hörsäle sind voll mit deutschen Studenten. Wien steht wirtschaftlich weit besser da als Berlin. Die Osteuropazentralen internationaler Konzerne in die Stadt zu holen, „das war auch für Berlin geplant, aber es nichts passiert“.

Gesellschaftlich aber sei zu Hause zu viel beim Alten geblieben: Freunderlwirtschaft, Bürokratie, Autoritätshörigkeit. Was den Mitbegründer der Grazer Grünen im Jahr 2000 endgültig vertrieb, war die Regierungsbeteiligung der Haider-FPÖ. Und wie sieht er die heimische Politik heute? „Wenn man Plakate vom Strache sieht oder Stronach in einer Talkshow, dann fragt man sich: Wie kann es sein, dass in diesem Land alles geht? Da ist man froh, dass man nicht mehr da ist.“

Kreative Mitte, chilliger Strand. Damit sei er nicht allein, konstatiert Lendl: „Viele gehen immer noch fort, weil es ihnen zu eng wird.“ Wie erfolgreich sie im Exil oft sind, zeigt ein Ausflug nach Mitte. Dort, beim Hausvogteiplatz, bot die Stadt kleine Grundstücke für „Townhouses“ an, schmale Häuschen nach dem Vorbild Amsterdams, die sich jeder nach eigenem Gusto unter Vorgabe der Proportionen baut. So wurden aufstrebende Kreative ins Herz der Stadt gelockt.

Es kamen auch so manche Österreicher. Zum Beispiel Katrin Androschin aus Innsbruck, deren Designagentur Embassy die Hauptstadtkampagne „be Berlin“ entworfen hat. Ums Eck arbeitet Lendl als Grafiker beim Springer-Verlag. Dort trifft er auf Kollegen und Landsmann Lo Breier, heute Art Director für die „Bild am Sonntag“. „Es ist vielleicht symptomatisch, dass Österreicher für die Oberfläche der Medien zuständig sind.“ Ums andere Eck, am Gendarmenmarkt, zelebriert der Landecker Josef Voelk eine andere Form des schönen Scheins: Er führt mit The Corner das exklusivste Modegeschäft der Stadt und kleidet Hollywoodstars ein.

Was Lendl fehlt, sind die Berge. Als Freizeitalternative bieten sich Hunderte von Seen rund um Berlin an, mit Sandstränden, die Urlaubsgefühle aufkommen lassen. Schon am Plötzensee, mitten in der Stadt, beginnen die Badefreuden. Lendl zieht am Wochenende mit Frau und Sohn in seine Datscha am Schwielowsee bei Potsdam. Dennoch: Ein Ersatz für die Alpen ist das nicht. Vielleicht kommt der freche Autor ja doch einmal in seine Heimat zurück. Dass er keine Ressentiments hat, erkannte schon die „Frankfurter Allgemeine“: „Je mehr Walter Lendl sich über seine Landsleute aufregt, desto deutlicher wird, wie gern er sie hat.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)