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"Urfaust": Blut, Schweiß und Wut für Goethe

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faust(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Das Volkstheater ist heuer mit Fortüne unterwegs. Der deutsche Regisseur Enrico Lübbe beeindruckt mit einer brutal kurzen "Urfaust"-Version. Die Besetzung ist gut gewählt, vor allem die Frauen.

Wie „dicht“ (high, betrunken) du auch immer bist, Goethe ist „dichter“: Wenn es Abend wird im bewegten Leben Jugendlicher und auf Facebook alles gesagt ist, kommt die Zeit der lustigen Sprüche. Wie könnte man munteren jungen Leuten, die dennoch eines Tages von den großen Fragen, Liebe, Treue, Tod, heimgesucht werden, vom Doktor Faust erzählen? Vielleicht so wie das der ostdeutsche Regisseur Enrico Lübbe in einer kurzen und dramatischen Stunde im Volkstheater tut – zu „Deep Purple“-Musik (Sixties-Retro lieben Jung und Alt): Du wartest auf den Querschläger, heißt es in „Child in Time“ der britischen Rockband. Wie ein Querschläger wirkt auch diese Aufführung. Lübbe wirft den „Urfaust“-Text in eine Zentrifuge und erzählt die Geschichte vom Doktor, seinem Gretchen und Mephisto kreuz und quer das Original durchpflügend neu und herb.

Faust hat genug von der Wissenschaft und leidet an sexuellem Notstand. Er stürmt aus seiner Studierstube. Doch es ist nicht leicht, eine Frau zu finden. Die Chor-Damen repetieren: „Bin weder Fräulein, weder schön/Kann ohngeleit (sic!) nach Hause gehen“ und verpassen dem nervösen Stubenhocker Ohrfeigen, egal ob sie nackt oder angezogen sind. Man denkt an heutige Liebschaften, die gern im Internet angebahnt werden. Wenn man das Objekt der Begierde, nach dem Austausch von Nettigkeiten und Bekenntnissen per Mail, dann live sieht, spielt sich womöglich gar nichts ab.


Mehr Trieb als Romantik. Bei Faust und Gretchen freilich scheint es Liebe auf den ersten Blick zu sein. Das wirkt aber nicht nur romantisch, sondern auch dem Trieb geschuldet. Die Zeit ist einfach reif für die zwei. Der Doktor steigt herab zum Mädchen aus dem Volke. Es fehlen ihm die Worte, eine amüsante Parodie auf den redseligen Goethe. Faust packt Grete und küsst sie wild. Als er mit ihr schläft, verwandelt er sich in Mephisto: Der Teufel Mann als zynischer Verführer, der, wenn er ans Ziel gekommen ist, bald wieder seiner Wege geht. So sind sie, die Männer.

Die Besetzung ist gut gewählt, vor allem die Frauen: Nanette Waidmann ist ein Gretchen ohne Zuckerguss, dennoch ein lauteres Kind, ernst, lebenserfahren, schließlich hat sie Vater und kleine Schwester sterben gesehen. Waidmann hat eine starke Ausstrahlung, in der Leidenschaft wie im Leiden. Nina Horváth als Lieschen, schneidend, bissig, mit Schirmkappe und karierter Hose, ist eine Entdeckung, von der man noch hören wird und sollte. Heike Kretschmer entzückt als liebessehnsüchtige Marthe Schwertlein, die schon mal schnell dem bockigen Mephisto aufreitet.

Denis Petkovićs Faust könnte etwas weniger frostig sein – und Günter Franzmeiers Mephisto witziger. Aber Humor ist nicht die Qualität dieser Aufführung, sondern zwingende Vehemenz. Faust und Mephisto sind zwei Seiten einer Person. Gott und Teufel haben nichts zu plaudern. Der Mensch ist allein im All, umhergeworfen von Sturm und Drang, tierischer als er es wahrhaben will. Diese These wird vom Bühnenbild (Michaela Barth) illustriert: Ein Würfel aus Holz und Milchglas steht auf einem Podium, vorne offen und hinten – in ein Nirgendwo abfallend.

Am Anfang und am Ende liegt Margarete in ihrem Blut, in der Kerkerszene scheint sie weniger an Wahnsinn als an den Folgen einer Schwangerschaftspsychose zu leiden. Trotzdem weiß sie genau, was sie will. Vor Fausts Versuch, sie zu retten, hat sie eine Heidenangst, dann lieber sterben. Auch hier fehlt die Romantik. Der geliebte Mann hat sich als unverlässlich, ja gefährlich erwiesen. Gretchens Familie existiert nicht mehr, das Kind ermordet, die Mutter vergiftet, der Bruder im Duell mit Faust gefallen. Im Finale peitschen dann noch einmal Schüsse über die Szene, die bei Goethe nicht notiert sind. Tabula rasa, alles aus.


Die Faust-Parade. Zwischen Peter Steins Marathon für Gebildete, Martin Wuttkes irrem inneren Monolog, Matthias Hartmanns Burgtheater-Version – eine Art Alptraum eines fragilen Intellektuellen im Cyberspace mit Tobias Moretti – wurde dem „Faust“ schon auf verschiedenste Weise entgegen- und nahegetreten – bis hin zu „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“, Ewald Palmetshofers moderner Version im Schauspielhaus. Trotzdem wirkt Lübbes Entwurf überraschend, packend, authentisch: ein roher „Faust“ von heute. Mit Peter Turrinis berührendem „Riesen vom Steinfeld“, der furiosen Show über die „Comedian Harmonists“ und diesem Klassiker ist das Volkstheater ziemlich gut auf dem Wege in dieser neuen Saison.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)