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Mit Schumanns Peri schauen die Wiener Geiger ins Paradies

Schumanns Peri schauen Wiener
(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
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Sir Simon Rattle wählte für seinen jüngsten Auftritt im philharmonischen Abonnement ein selten gespieltes Oratorium.

Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“. nicht eben häufig gespieltes Opus 50 aus dem Jahr 1843, stand als Rarität auf dem philharmonischen Programm des vergangenen Wochenendes. Die romantisch-schwärmerische Märchenvorlage entstammt dem Epos „Lalla Rookh“, das Thomas Moore 1817 publiziert hat und das Schumann seit Kindheitstagen bekannt war. Das Schicksal der Peri, sie ist das Kind eines gefallenen Engels und einer Sterblichen, hat viele romantisch-empfindsame Saiten im Komponisten zum Schwingen gebracht. Das Zauberwesen wird, weil „unrein“, nicht ins Paradies eingelassen. Selbst schwere Opfer können die Himmelswächter nicht rühren. Erst die Tränen eines reuigen Verbrechers beim Anblick eines betenden Buben bringen die Erlösung.

Dergleichen ist einem Publikum der Ära des Turborealismus schwer zu verkaufen, zumal Schumanns Textfassung kaum Klarheit über die Ursachen der Aussperrung vermittelt.

Sir Simon Rattle gelang es dennoch, Wiens Musikfreunde zu überzeugen. Er vertraute erfolgreich dem betörend schönen Klang des Orchesters, das mit viel Poesie und exotischen Klangmischungen die Stimmungswelten einfing, die Schumann hier beschwört. Auch Erwin Ortners fabelhafter Arnold Schönberg Chor entfaltete sein ganzes Können, vor allem in den flüsternden Pianissimo-Passagen, die voll Geheimnis waren, zauberische, entrückte Harmonien.

Die forsche Gangart Rattles ließ nur in einigen rascheren Passagen Wünsche offen. Da mangelte es in Chor und Orchester an Differenzierung, klang der Siegesrausch der Verfolger wie die Klage der Verfolgten – und die Klarheit der Artikulation blieb völlig auf der Strecke.

 

Operndramatik über Umwege

Doch trug die Abwesenheit jeglicher Larmoyanz entschieden zum guten Gelingen der Aufführung bei. Auch die Solisten übernahmen den unsentimentalen Tonfall. Über allem schwebte, innig und introvertiert, der Sopran von Annette Dasch, Topi Lehtipuu übernahm beredt die Rolle des Geschichtenerzählers, während sich der ebenso helle, feine Tenor von Andrew Staples harmonisch in die Ensemblesätze einfügte. Susan Gritton bestand, nicht minder ausdrucksfähig, neben Daschs Peri souverän, Bernarda Fink sang im Mittelteil des Werks eine Totenklage, die in ihrer ehrlichen Schlichtheit vielleicht den Höhepunkt des Vormittags markierte.

Florian Boesch trug nebst profunder Grundlegung der mehrstimmigen Passagen auch einige rechtschaffen kriegerisch-dramatische Töne bei und holte so das Musiktheater, um das es Schumann so zu tun war, sozusagen durch die Hintertür in den Goldenen Musikvereinssaal. Das Publikum schien beeindruckt, genoss jedenfalls die prächtige Musik. Wie sehr die Geschichte einem Bürger des 21. Jahrhunderts wirklich zu Herzen gehen kann, wäre eine Umfrage wert. Wie weit entfernt haben wir uns von romantisch-seelenvoller Denkungsart eigentlich wirklich?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2012)