Spanien: Im Anzug zur Suppenküche

Spanien Anzug Suppenkueche
(c) REUTERS (SUSANA VERA)

Die Armut im südlichen Krisenstaat steigt dramatisch an. Nun startete das spanische Rote Kreuz erstmals eine Hilfskampagne für die eigene Bevölkerung.

"Spenden Sie für die Armen in Spanien“, bittet der Mann vom Roten Kreuz, der mit der Sammelbüchse in Madrids Zentrum unterwegs ist. Erstmals hat die Hilfsorganisation, die sonst eher Spendenkampagnen für Staaten der Dritten Welt betreibt, jüngst einen Aufruf zur Hilfe für die spanische Bevölkerung gestartet: Die Not von Millionen Menschen im Land ist ob der Finanz- und Wirtschaftskrise schon so groß, dass sie ohne humanitäre Hilfe nicht mehr über die Runden kommen.

Spaniens Rot-Kreuz-Chef Antoni Bruel spricht gar von „sozialem Notstand“: Es gebe immer mehr Bedürftige, aber keine Hilfe. Die Regierung, die mit Kürzungen und Steuererhöhungen gegen die Pleite kämpft, hat immer weniger Geld für Sozialleistungen, die zusammengestrichen wurden.

Mit schockierenden Bildern macht die größte humanitäre Organisation des Landes auf die neue Armut aufmerksam: In einem Video sieht man einen leeren Kühlschrank, davor eine Familie, die sich zum Abendessen ausgehungert über ein dünnes Omelette und ein Stück Brot hermacht. Zu trinken gibt es nur Leitungswasser. Das ist mittlerweile tatsächlich krisenbedingter Alltag in zehntausenden spanischen Familien.

Lange Schlangen vor den Suppenküchen, nicht nur in Madrid, sprechen für sich. Allein in der Drei-Millionen-Stadt gibt es inzwischen mindestens 16 Armenspeisesäle. Dort holen sich Menschen wie der 42-jährige Antonio B. etwas zu essen, weil seine Arbeitslosenhilfe von 426 Euro schon für die Miete draufgeht. „Ich muss wählen, ob ich Wohnung oder Essen bezahle.“ Im Moment kämpft der Elektrotechniker darum, wenigstens nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Viele, die sich vor den Armenküchen drängeln, erzählen ähnliche Geschichten.

 

Oft rutschen Normalbürger ab

Die neue Massenarmut hat wenig mit denen zu tun, die schon immer schnell in der Gosse landeten, etwa Trinkern, Fixern, psychisch Kranken oder illegalen Einwanderern. Heute rutschen oft Normalbürger ab, Personen, die früher gearbeitet haben und in den Urlaub gefahren sind. „Nur zehn Prozent derer, die uns um Hilfe bitten, haben keine Ausbildung“, sagt Bruel.

„Es gibt immer mehr Menschen, die in unserem Land Hilfe brauchen“, lautet das Motto der Spendenkampagne, für welche sogar Königin Sofia und Kronprinz Felipe mit der Sammelbüchse auf die Straße gegangen sind. Einen solch dramatischen Aufruf für das notleidende Volk hat es seit den Hungerzeiten im spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) nicht mehr gegeben. Nach dem zerstörerischen Immobiliencrash, der Banken-, Staatsschulden- und Wirtschaftskrise blüht dem abstürzenden südeuropäischen Land eine humanitäre Krise.

Eine Armutskatastrophe, die sich in nackten Zahlen widerspiegelt: Mehr als 25Prozent der aktiven Bevölkerung sind inzwischen ohne Arbeit – das sind annähernd sechs Millionen der etwa 47 Millionen Einwohner Spaniens. Ein Drittel der Joblosen, etwa zwei Millionen, hat kein Anrecht auf Arbeitslosengeld. Auch von der staatlichen Fürsorge haben sie wenig zu erwarten: Sozialhilfe – theoretisch etwa 350 Euro für den Haushaltsvorstand, rund 100 Euro für den Partner – wird angesichts leerer Kassen und einer Antragswelle frühestens nach halbjähriger Wartezeit gewährt. Fast jede vierte Familie gilt in Spanien als arm, annähernd zwölf Millionen Menschen im Land sind betroffen; jedes Jahr kommt eine Million dazu.

In den Lagerhallen des Roten Kreuzes stapeln sich Kartons mit Mehl, Milch, Nudeln und Reis. Doch diese Rationen werden nicht, wie in früheren Jahren, in Hungerländer nach Afrika geschickt, sondern nun in Spanien verteilt. Genauso wie gebrauchte Schuhe, Schulmaterialien oder Spielsachen für die Kleinen. „Wir werden überrannt“, berichtet das Rote Kreuz.

Die Helfer führen gewissenhaft Buch und kennen das Profil der Bittsteller: Die meisten leben unter Spaniens statistischer Armutsgrenze. Sie haben im Monat weniger als 628 Euro netto zur Verfügung. Zwei Drittel sind arbeitslos, die Hälfte sind schon mehr als zwei Jahre ohne Job. Die Madrider Suppenküche „San Francisco“ verteilt rund 500 Mahlzeiten am Tag. Viele, die hier auf eine warme Suppe hoffen, schämen sich: Verstecken sich unter Basketballkappen oder hinter Sonnenbrillen. Die meisten kleiden sich anständig, wollen nicht unangenehm auffallen. Da viele den Schein des intakten Lebens zu wahren suchen, sieht man das Elend nicht auf den ersten Blick. „Zu Hause brechen sie dann deprimiert zusammen, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können“, berichtet ein erfahrener Helfer. „Manche kommen sogar im Anzug und mit Krawatte in die Armenküche.“