Beamte: Das ganze Leben für den Staat

Frauen wurden erst spät zum Staatsdienst zugelassen und ab 1933 mit neuen Gesetzen wieder hinausgedrängt.
Frauen wurden erst spät zum Staatsdienst zugelassen und ab 1933 mit neuen Gesetzen wieder hinausgedrängt.(c) akg-images / picturedesk.com
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Eine untadelige Lebensführung war Anfang des 20. Jahrhunderts unabdingbar für eine Beamtenlaufbahn. Nun werden diese dienstrechtlichen Verpflichtungen während der politisch turbulenten Zwischenkriegszeit erforscht.

Dass es mit dem Image von Beamten nicht immer zum Besten steht, ist nicht neu. „Auch früher gab es schon Beamtenwitze“, räumt Therese Garstenauer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien ein. Respektabilität und Pflichterfüllung versus Privilegien und mangelnden Arbeitseifer, zwischen diesen Zuschreibungen schwankt die öffentliche Meinung seit jeher.

„Das hat vermutlich mit der Form des Dienstverhältnisses zu tun, in dem es nicht um eine eindeutig messbare Arbeitsleistung geht, sondern um ein umfassendes Sich-zur-Verfügung-Stellen für den Staat“, sagt die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin. „Im Gegenzug für ihre Loyalität gewährt dieser den Beamtinnen und Beamten Absicherung und Schutz vor politischer Einflussnahme.“

Sie wolle nicht in Abrede stellen, dass dieses Arrangement nicht auch zuweilen ausgenutzt werde. Dennoch halte Garstenauer die negativen Klischees über die Staatsdienerinnen und Staatsdiener größtenteils für ungerechtfertigt. „Es ist ja wichtig, dass sie unabhängig arbeiten können, besonders in sensiblen Bereichen wie etwa der Justiz.“

Staatsdiener von 1918 bis 1940

Garstenauer erforscht in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Elise-Richter-Projekt die Lebensführung österreichischer Staatsbediensteter von 1918 bis 1940. In dem von ihr untersuchten Zeitraum liegt es jedenfalls nahe, von Beamtinnen und Beamten mit Leib und Seele zu sprechen. Immerhin reichte die von diesen verlangte Korrektheit bis in die intimsten Bereiche und sogar bis über die Pensionierung hinaus. „Ungebührliches Verhalten war nicht nur verpönt, sondern auch ein Verstoß gegen das Dienstrecht. Es wurde genauso geahndet wie etwa eine Gebührenunterschlagung“, sagt Garstenauer.

Blick in die Disziplinarakte

Ausschweifungen, Verschuldung, ein Seitensprung? Nicht für Beamte, zumindest wenn die Kapriolen öffentlich wurden. „Dann stand das Ansehen des Amtes und damit des gesamten Staates auf dem Spiel.“ Die Disziplinarakten bieten der Forscherin interessante Einblicke in das berufliche und private Leben der Staatsbediensteten in der Zwischenkriegszeit. „Sie wurden sogar zur Verantwortung gezogen, wenn sich Familienmitglieder danebenbenahmen.“ So habe etwa das Verhältnis der Tochter mit einem verheirateten Mann einem Beamten ein Disziplinarverfahren beschert.

Ein anderer musste sich für seine Söhne rechtfertigen, die sich für die Nationalsozialisten engagiert hatten, als diese noch illegal waren. „Die Stellungnahmen der Disziplinarkommissionen, der Zeugen und der beschuldigten Person selbst sagen viel über den jeweiligen Zeitgeist aus“, erklärt die Historikerin.

Der Zeitgeist änderte sich in jener Zeitspanne bekanntlich mehrmals, und zwar einschneidend. „Nach dem Ersten Weltkrieg und Zerfall des Habsburgerreichs betrafen die Hyperinflation und die Verarmung der Bevölkerung natürlich auch die Beamten. Es gab einen massiven Personalabbau, und bei manchen war es unklar, welchem Nachfolgestaat sie überhaupt dienen sollten.“

Politische Veränderungen

All das habe die geforderte Loyalität auf den Prüfstand gestellt. Neben dem Einfluss sich wandelnder Moralvorstellungen auf das Privatleben sind die Herausforderungen durch die politischen Veränderungen ein weiterer Schwerpunkt ihrer Studie. Die politischen Spannungen nahmen nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu.

Schon vor der Etablierung des autoritären Dollfuß-Schuschnigg-Regimes 1933/34 war es mit der 1920 in der Verfassung festgeschriebenen Demonstrations- und Versammlungsfreiheit der Beamtenschaft vorbei. „Ab den 1930er-Jahren gab es mehr Disziplinarverfahren wegen politischer Aktivitäten.“ Wieder ging es über die eigene Person hinaus: Ein Beamter musste nicht einmal selbst ein Flugblatt verteilt oder ein Spottlied auf Dollfuß gesungen haben. „Es genügte, dass er Kollegen dabei sah und nicht einschritt.“

Frauen hatten es schwerer

Frauen spürten den kalten Wind jener Ära in besonderer Weise. „Sie waren erst ab 1919 zum Jusstudium zugelassen worden, eine Voraussetzung für den höheren Verwaltungsdienst“, erklärt Garstenauer. „Doch ab 1933 erließ das autoritäre Regime Gesetze, um sie wieder aus dem Staatsdienst zu drängen.“

Schließlich griffen die Nationalsozialisten ab 1938 in den Beamtenapparat ein, zu den politischen kamen völkisch-antisemitische Kriterien. „Rund 14.000 Personen wurden nach einer entsprechenden Verordnung überprüft. Das ist mit etwas weniger als zehn Prozent aller Beamtinnen und Beamten zwar weniger als bisher angenommen, war aber im Einzelfall sicher hart.“ Garstenauers Ziel ist es, die Sozialgeschichte des öffentlichen Dienstes in Österreich nach 1918 erstmals detailliert abzubilden. Die Studie läuft noch bis Dezember 2022.

ZUR PERSON

Therese Garstenauer ist Soziologin, Slawistin und Historikerin. Sie lehrt und forscht am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Parallel zu ihrem Elise-Richter-Projekt forscht sie auch an von der Stadt Wien und der ÖAW geförderten Projekten zum Staatsdienst in Wien von 1918 bis 1920.

LEXIKON

Verhaltenskodex aus der Dienstpragmatik von 1914, Paragraf 24: „Der Beamte hat in und außer Dienst das Standesansehen zu wahren, sich stets im Einklang mit den Anforderungen der Disziplin zu verhalten und alles zu vermeiden, was die Achtung und das Vertrauen, die seine Stellung erfordert, schmälern könnte. Auch im Ruhestand ist der Beamte zu einer dem Standesansehen angemessenen Haltung verpflichtet.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2019)

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