Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Russland – in der Maske der Supermacht

Begleitet von Ablenkungsmanövern ist Russland dabei, seine internationale Identität neu zu definieren. Doch der Wechsel in die Regionalliga ist für die politische Klasse eine schwere Erschütterung.

Die moderne internationale Politik ist eine launige Mischung aus Wirklichem und Erfundenem. Die objektiven Parameter (militärische Möglichkeiten, wirtschaftlicher Reichtum) werden umhüllt von einem Nebel an Manipulationen („Soft power“, Propaganda). Dennoch wird das Endresultat von einer realen Korrelation der Potenziale bestimmt. Denn mit einer weichen PR kann man nun einmal keine wirklich starke Macht besiegen.

Aber manchmal kann man immerhin einen Rauchvorhang vorziehen. Und beobachtet man die russische Außenpolitik, so kommt man zum Schluss, dass Moskau genau damit beschäftigt ist.

Die postsowjetische Periode, da es in der internationalen Arena vor allem darum ging, allen zu zeigen, dass man Russland zu früh als Player abgeschrieben habe, ist abgeschlossen. Was wir beweisen konnten, haben wir bewiesen. Und inzwischen sind wir in die Reihe derer, die man nicht ignorieren darf, zurückgekehrt.

 

Russland ist keine Sowjetunion

Aber es wurde auch eines klar: Russland ist nicht die Sowjetunion, es wird auch nie eine globale Supermacht in dem Sinn sein, in dem die Sowjetunion eine war. Die Aufgabe für die nächste Periode ist die Einengung des Horizonts, die Transformation in eine einflussreiche, aber regionale Macht. Gewiss, in einem sehr großen Umfang, denn unsere Region umfasst das ganze riesige Eurasien, wo es die eigene Nische zu finden gilt.

Es ist ein schmerzhafter Prozess. Da ist zum einen der psychologische Aspekt: Im 20. Jahrhundert hat sich das russische Bewusstsein daran gewöhnt, das eigene Land als Träger globaler Schicksale zu empfinden – sowohl in ideologischer als auch in geopolitischer Hinsicht. Ein jäher Verzicht auf diesen Status kann eine unvorhersehbare Reaktion bis hin zum Revanchismus hervorrufen.

Zum anderen käme der demonstrative Austritt aus dem „Großen Spiel“ einem freiwilligen Verzicht auf Instrumente gleich, die geeignet sind, günstige Bedingungen in der Regionalpolitik zu gewährleisten. Wenn man sich beispielsweise Einflusshebel auf globaler Ebene bewahrt, kann man eine konstruktive Position in anderen Fragen gegen die Nichteinmischung großer Länder in die Sphäre lebenswichtiger Interessen Russlands eintauschen.

Moskaus Politik ist heute im Grunde genommen eine gewiefte Imitation des Strebens nach einem globalen Status, damit die Verengung und die Präzisierung der eigentlichen Sphäre der unmittelbaren Interessen nicht so ins Auge springt. Drei Beispiele sollten diese Imitation verdeutlichen:
• BRICS (steht für Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) ist die geistreich verwendete Konstruktion, die es ermöglicht, die ganze russische Politik mit dem Flair eines neuen Globalismus zu ummanteln. Die Formalisierung einer Allianz von fünf Staaten, die in allen Kriterien völlig unterschiedlich sind, ist unmöglich.

 

Eine Erfindung von Bankern

Aber das braucht es auch gar nicht. Denn schon allein die Tatsache jeder beliebigen gemeinsamen Aktivität einiger großer Staaten, die eine von allen unabhängige Politik durchführen, zieht aufgeregte Aufmerksamkeit auf sich. Mit BRICS ist es wundersam paradox – die Idee kommt ja von der Investitionsgesellschaft Goldman Sachs, die sie vor fast zehn Jahren zu praktischen Reklamezwecken für eigene Dienstleistungen in Emerging Markets erfunden hat.

Das Erfolgsgeheimnis des Formats, das von Bankern erfunden und von Politikern aufgegriffen worden ist, liegt nicht in seiner Lebensfähigkeit, sondern darin, dass es die versteckte, aber wachsende Angst des Westens vor einem Verlust der globalen Führerschaft verkörpert. Für Russland ist BRICS eine wunderbare Möglichkeit, sich zu einem potenziellen Architekten einer neuen Weltordnung zu erklären – selbst wenn es diese Ordnung nicht zu errichten gedenkt.

 

Moskaus Interessen in Syrien

• Syrien wiederum ist eine diplomatische Kollision, deren Ziel nicht das ist, als das es nach außen erscheint. Moskau verteidigt da nicht seine wirtschaftlichen und geopolitischen Positionen in Nahost. In Wirklichkeit zieht es sich anscheinend aus der Region zurück, in der Russland ohne den sozialistischen ideologischen Überbau und das sowjetisch-geopolitische Gewinnstreben im Grunde nichts zu tun hat.

Dieser Teil der Welt verwandelt sich in ein unkalkulierbares Pulverfass, das die USA und Europa im Unterschied zu Russland nicht aufgeben können: Für sie nämlich ist die Gegend eine Sphäre lebenswichtiger Interessen. Der Kreml hingegen erinnert nur daran, dass ohne sein Mitwirken nichts zu lösen ist und man das für die Zukunft vor Augen haben sollte. Nun, und wenn Neue und Alte Welt dort feststecken, umso besser: Bleiben ihnen doch weniger Kräfte und weniger Zeit, jene Territorien zu sich zu locken, aus denen sich Russland wirklich nicht zurückzuziehen gedenkt.
• Schließlich die Eurasische Union. Die Bezeichnung ist gefinkelt. Denn das einzige Land, dessen Beitritt wirtschaftlich zweckmäßig und politisch gewinnbringend wäre, ist die Ukraine – das heißt also ganz und gar nicht Eurasien. Den zentralasiatischen Staaten gibt man hingegen sachte zu verstehen, dass man sie einstweilen nicht erwartet. Stattdessen aber klingt schon die Wortverbindung schmeichelnd, weil sie die Illusion von einem großen Projekt schafft.

 

Andere Liga, andere Spielart

Begleitet von Ablenkungsmanövern formuliert Russland seine neue internationale Identität. Der Wechsel in die Regionalliga (im Übrigen sind in der globalen Division ohnehin nur noch eineinhalb Spieler übrig: die USA und China) ist eine Erschütterung. Dort zu spielen ist nicht leichter und auch nicht schwerer, aber man muss es auf andere Art tun.

Der Kreml und das Außenministerium spielen die Kombinationen im UN-Sicherheitsrat oder bei den Verhandlungen über die Reduzierung strategischer Angriffswaffen virtuos aus. Stattdessen aber muss Russland die plumpsten Mittel wie den Obersten Sanitätsarzt des Landes aktivieren, wenn es darum geht, Tadschikistan für die Beschlagnahmung eines russischen Flugzeuges und der Piloten an die Kandare zu nehmen. Und die Konfiszierung von Vermögenswerten russischer Firmen in Usbekistan bringt überhaupt alle in völlige Ausweglosigkeit.

Im Übrigen aber: Wenn man sich von den Emotionen löst, ist die Linie der postsowjetischen Entwicklung auf außenpolitischer Ebene völlig natürlich. Und das gibt Hoffnung, dass dafür auch die nötigen Fertigkeiten mit der Zeit auftauchen werden.

Der Artikel erschien zuerst in der Oktoberausgabe des russischen Forbes-Magazins.
Übersetzung: Eduard Steiner


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Fjodor Lukjanow (45) studierte Germanistik an der Moskauer Lomonossow-Universität. Seit 2002 ist er Chefredakteur der in Russisch und Englisch erscheinenden politischen Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, die vom russischen Rat für Außen- und Verteidigungspolitik sowie der Industriellen- und Unternehmervereinigung gegründet wurde. Er gilt als einer der führenden Publizisten Russlands. [Eduard Steiner]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)