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Digitales Fegefeuer: Sieben Todsünden im Web

Symbolbild(c) REUTERS (MICHAEL DALDER)
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Vor dem guten Leben kommt das schlechte: Miriam Meckel vergleicht Dantes „Göttliche Komödie“ mit unserem Leben in digitalen Zeiten. Und sie fordert ein Schulfach „Information“.

Seit Kurzem bietet Facebook seinen Nutzern an, einzelne Statusmeldungen für Freunde „hervorzuheben“. Diesen Dienst an der Eitelkeit lässt sich das soziale Netzwerk bis zu 5,20 Euro kosten. Die so befriedigte Gier des Internetnutzers nennt die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel eine Todsünde des digitalen Lebens.

Die Grundidee für ihr Gedankenexperiment „Dante digital“ stammt vom US-Informatiker David Gelernter, der 2011 in der „FAZ“ geschrieben hatte: „Wenn Dante sein Fegefeuer heute neu schriebe, würden die Protagonisten mit iPhones herumlaufen, sie müssten mit Apps spielen und einander ständig anrufen, bis sie ihre Strafe verbüßt haben.“ Meckel griff diese Idee auf und zog bei einem Vortrag in Wien Analogien zwischen Dantes „Göttlicher Komödie“ und unserem Leben in digitalen Zeiten. Ihre These: Vor dem guten Leben kommt das schlechte, aus unseren Fehlern können wir aber für ein besseres Leben lernen. „Die Presse“ traf sie vor ihrem Vortrag zum Gespräch:

Die Presse: Stecken wir wirklich in einer Hölle der Kommunikation?

Miriam Meckel: Bei Dante ist die Hölle der Platz, in dem man ewig schmort. Ich hoffe also nicht, dass wir uns in der Hölle befinden. Auch weil ich glaube, dass der Mensch lernfähig ist. Wir sollten eher den Läuterungsberg im Fegefeuer betrachten und die sieben Terrassen der Buße, die inhaltlich eng mit den sieben Todsünden verbunden sind. Alle sieben Todsünden, ob Wollust, Habgier, Neid oder die Maßlosigkeit, lassen sich auf das Internet übertragen. Der Jähzorn zeigt sich etwa im Phänomen des „Shitstorms“, die Wollust in Erotikseiten oder Videochats wie „Chat Roulette“.

Sie glauben, dass wir nach Dante'schem Vorbild geläutert ins Paradies kommen können. Wie?

Es gibt keine Standardregeln, wie man das gute Leben im Digitalen finden kann. Ein Zitat aus Dantes „Komödie“ passt aber wunderbar: „Wer immer du bist, du gehst so schnell weiter, schau mich doch einmal an und überlege, ob du mich drüben gesehen hast.“ Genau das sollte man hin und wieder tun: Innehalten und sich selbst im „Drüben“, in der digitalen Welt, betrachten. Sich fragen, ob ich das Posting, das ich verfasse, einem Menschen genauso auch ins Gesicht sagen würde. Im Paradies herrschen Glaube, Liebe und Hoffnung. Um das zu erreichen, muss ich daran glauben, dass es einen Unterschied zwischen Mensch und Maschine gibt. Ich muss dieses menschlich Unberechenbare wirklich lieben, weil es das Leben als Zufall und damit menschlich belässt. Und ich muss die Hoffnung haben, dass ein Lernprozess stattfindet und dass wir das, was wir jetzt als höllisch erleben, dann wieder als angenehm empfinden.

Eine der Todsünden ist die Trägheit. Wo zeigt sich die in der digitalen Welt?

Die „digitale Trägheit“ (digital inertia) zeigt sich so: Wir machen alles Mögliche obsessiv im Netz, um die Dinge aufzuschieben, die wir tun müssen. So entsteht eine Erledigungsblockade. Dabei sollte man sich vergewissern: Surfen hilft nicht, bei gar nichts.

Gibt es eine Gruppe von Menschen, die besonders gefährdet ist, in die digitale Kommunikationshölle zu geraten?

Eine Theorie sagt, es sind die 30- bis 40-Jährigen, weil sie nicht damit groß geworden sind, aber im Beruf damit leben müssen.

Diese Gruppe nennen wir „digital immigrants“, und es gibt tatsächlich Parallelen zu Migranten, die sich in ihrer neuen Heimat überanpassen, weil sie Sorge haben, dass sie sonst nicht aufgenommen werden. So ähnlich ist das mit der digitalen Kommunikation auch. Die Jüngeren haben jetzt zwar mit Facebook und Twitter möglicherweise wenig Probleme, werden aber irgendwann mit dem nächsten Schritt konfrontiert sein, z. B. mit der Verlagerung von Schnittstellen in den menschlichen Körper. Dann werden die heutigen „digital natives“ zu „immigrants“.

Sie haben sich kürzlich öffentlich gewundert, warum es noch kein Schulfach „Digital leben“ gibt. Was sollte dort vor allem gelehrt werden?

Sicher nicht, wie man den Browser öffnet – das können die Kinder alles und teils viel besser als ihre Lehrer und Eltern. Was fehlt, sind die Orientierungsfragen: Wie suche ich im Internet? Bekomme ich, wenn ich bei Google einen Begriff eingebe, Zugang zur Gesamtmenge der Information im Netz? Wenn ich das meine Studenten frage, zeigt sich, die meisten wissen gar nicht, dass es eine personalisierte Suche gibt. Oder dass ich auf Basis meiner hinterlassenen Spuren im Netz immer nur die Ergebnisse angeboten bekomme, die meinen Präferenzen entsprechen; dass Google nur einen Bruchteil des Netzes zeigt und ich auf den Rest, das sogenannte „dark net“, gar keinen Zugriff habe. Das Fach „Information und Kommunikation“ sollte so selbstverständlich sein wie Biologie.

Ab welchem Alter sollte dieses Fach beginnen?

Ganz am Anfang, in der ersten Klasse mit sechs, sieben Jahren.

Sie haben vor einigen Jahren ein Buch über Ihr Burnout geschrieben. Wie leben Sie seither gut im digitalen Zeitalter?

Ein Burnout schließt man nie richtig ab, ich kann heute aber die Symptome schneller und besser erkennen als früher. Ich nehme mir einmal im Jahr, im Sommer, eine Auszeit, in der ich auf irgendeine Insel in irgendeine Finca fahre, für die man heute mehr bezahlt, wenn sie keinen Internetanschluss hat. Alle E-Mails, die mich während dieser Zeit erreichen, wandern in den Papierkorb und derjenige, der etwas will, muss sich nach meiner Rückkehr noch mal melden. Das kann man im Kleinen auch im Alltag immer wieder mal anwenden.

Wenn man vom Horror des digitalen Lebens spricht, fallen einem auch Cybermobbing-Fälle ein, wie das der 15-jährigen Amanda Todd. Das Mädchen hatte in einem YouTube-Video auf 70 Karteikärtchen ihre Geschichte erzählt und um Hilfe gebeten. Kurz danach nahm sie sich das Leben.

Auf eines ihrer Kärtchen hatte Amanda Todd geschrieben: „I have nobody, I need someone“. Das ist der Punkt: Wir leben in einer Welt, in der Sie komplett vereinsamen können, obwohl sie überall angeschlossen sind. Sherry Turkle hat das in ihrem Buch „Alone together“ beschrieben: Wir sind alle vernetzt, aber hinter der Wand der Dauerkommunikation können wir uns verstecken und da kann ein sehr einsamer Mensch aus uns werden. Warum hat Amanda Todd niemanden gehabt, der ihr geholfen hat? Ich kann die Frage nicht beantworten. Aber es ist soziologisch interessant zu klären, wie man künftig hinter diese Wand der Dauerkommunikation gelangen könnte.

Zur Person

Miriam Meckel, * 1967, ist Direktorin am Institut für Medienmanagement an der Universität St. Gallen. Bis 1995 war sie TV-Journalistin, 2001 bis 2005 Staatssekretärin für Medien. Ihren Burn-out schilderte sie 2010 in ihrem „Brief an mein Leben“. 2011 erschien: „Next“. In Wien war sie Montag und Dienstag auf Einladung des Medienhaus Wien, der Telekom Austria und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als Gast der Hedy Lamarr Lectures 2012.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2012)