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US-Wahlkampf: Eine Zitterpartie für den Präsidenten

Zitterpartie für den Präsidenten
Zitterpartie für den Präsidenten(c) REUTERS (KEVIN LAMARQUE)
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Barack Obama muss um seine Wiederwahl bangen, im Weißen Haus macht sich Nervosität breit. Herausforderer Mitt Romney strahlt Zuversicht aus, er verspürt Auftrieb.

Washington. Im Wahlkampfhauptquartier Obamas in Chicago tickt der Countdown: Bis auf die Sekunde genau zählt die Digitaluhr die verbleibende Zeit bis zur Wahl am 6. November herunter. Als der heisere Präsident in der Nacht zum Freitag bei einem Zwischenstopp in seiner alten Heimat bereits vorzeitig seine Stimme abgab, fand er allerdings keine Zeit für eine Stippvisite in seiner Wahlkampfzentrale. Auf einer 40-stündigen Blitztour durch acht Bundesstaaten, die ihn von der Ost- an die Westküste und wieder retour führte, hatte er sich in der Präsidentenmaschine „Air Force One“ lediglich drei Stunden Schlaf gegönnt.

Barack Obama ließ die Zickzacktour durch die USA nicht ungenutzt verstreichen. Aus dem Flugzeug rief der Präsident Wähler an, und er gab Interviews in Serie. Eine salopp formulierte Passage im Magazin „Rolling Stone“ ließ indessen aufhorchen. „Die Kids haben einen guten Instinkt. Sie erkennen, dass der andere Kerl ein ,Bullshitter‘ ist.“ Das lässt sich noch freundlich mit „Schwatzkopf“ übersetzen. Prompt entrüsteten sich die Republikaner, die Aussage verrät aber auch die Stimmungslage im Weißen Haus.

Während sich im demokratischen Lager im Wahlkampf-Finish zunehmend Hektik und Nervosität breitmachen, strahlt der republikanische Herausforderer Mitt Romney demonstrativ Zuversicht aus. Siegesgewiss verkündete er einen „großen Wandel“. Er verspürt Auftrieb in den Umfragen, die wachsenden Zuschauermengen bei seinen rastlosen Auftritten verleihen ihm einen zusätzlichen Motivationsschub. Ist es Bluff, wenn er behauptet: „Obama gleitet die Wahl aus der Hand.“ Dreht sich das Rennen?

Nach einer nationalen Umfrage von „Washington Post“ und dem TV-Sender ABC liegt Romney drei Prozentpunkte vor dem Präsidenten, in den entscheidenden „Swing States“ holt er Terrain auf. In Florida, Virginia und North Carolina liegt er mehr oder weniger knapp in Führung, in Colorado herrscht Gleichstand. Für einen Wahlsieg muss der Republikaner freilich noch mindestens zwei, drei andere Bundesstaaten gewinnen – beispielsweise entweder Iowa, New Hampshire und Wisconsin oder Ohio, jenen Staat, auf den sich im Wahlkampffinale alles konzentrieren wird.

 

Ohio als „Firewall“

Das Obama-Team betrachtet Ohio als „Firewall“, als Teil der Schutzmauer, die eine Wiederwahl garantieren soll. Doch der Vorsprung ist geschrumpft, das Momentum – die Dynamik – ist aufseiten der Republikaner. In Ohio tobt die Wahlschlacht derzeit am heftigsten, und hier wird in der kommenden Woche ein wahres „Werbebombardement“ niedergehen. Obama wie Romney lancieren eine massive Schlussoffensive. Mittlerweile gehen Experten davon aus, dass beide Lager je eine Milliarde Dollar allein in die Präsidentschaftskampagne investieren.

Wie vor vier Jahren sicherte sich der Präsident zwar erneut die Unterstützung des ehemaligen republikanischen Außenministers Colin Powell, doch bei weißen Wählern – vor allem Männern – weist er nach Umfragen ein eklatantes Manko auf, einen zweistelligen Rückstand. Im Finish werden die Demokraten daher alles versuchen, ihre Anhänger zu mobilisieren – insbesondere Frauen und Minoritäten.

Womöglich ergibt sich – wie im Jahr 2000 im Duell zwischen George W. Bush und Al Gore – das paradoxe Szenario, dass einer (Romney) die absolute Stimmenmehrheit gewinnt, der andere (Obama) aber die Mehrheit der nötigen Wahlmännerstimmen. Es steht eine Zitterpartie bevor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)