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Sizilien: Wahlkampf im Schatten von Mafia und Bankrott

Raffaele Lombardo
Raffaele Lombardo(c) AP (Luca Bruno)
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Am Sonntag wird auf der Insel gewählt, und kandidieren lohnt sich: Jeder Abgeordnete verdient so viel wie Deutschlands Kanzlerin.

Rom/P. k. Der „Kalif von Palermo“ ist zwar vorzeitig zurückgetreten: Raffaele Lombardo, Gouverneur der Region Sizilien, hat einen Prozess wegen Mafiaverstrickung und Stimmenkauf am Hals. Das heißt aber nicht, dass er seither untätig geblieben wäre: Er hat weiter seine Machtstrukturen gefestigt, Günstlinge auf lukrative Posten gesetzt, Geld gestreut, Fäden für Koalitionen gezogen, Wahlkampf für seinen Sohn betrieben, denn morgen, Sonntag, wird in Sizilien gewählt.

Lombardos Rücktritt bedeutet auch nicht, dass die von Korruption, Filz und Mafiainteressen durchsetzte Politik sauber würde: 76 von 90 Abgeordneten streben wieder in den Landtag – jeder verdient so viel wie die deutsche Kanzlerin. Unter den mehr als 1600 Kandidaten befinden sich ein paar Dutzend, die der Unterschlagung, des Amtsmissbrauchs oder ähnlicher Delikte überführt sind. In den Worten von Parlamentspräsident Gianfranco Fini: „Wer in Sizilien eine Bar aufmachen will, braucht ein Zertifikat, dass er frei ist von Mafia-Verbindungen. Wer kandidiert, muss keines vorlegen.“

 

Teuerste, aber schlechteste Bürokratie

Sizilien steht zudem am Rand der Pleite: Im Sommer drohte Premier Mario Monti, der Regionalregierung einen Kommissar vor die Nase zu setzen. Die Insel leistet sich die teuerste, aber leistungsschwächste Bürokratie Italiens; die Aufnahme in den Staatsdienst gilt als Form der Arbeitslosenunterstützung und als Alimentierung der eigenen Klientel. Die Arbeitslosenrate ist doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt, und sie erfasst nicht, dass ein Drittel der Jungen die Jobsuche schon aufgegeben haben.

Keine der Parteien dürfte eine regierungsfähige Mehrheit erreichen. Das Mitte-rechts-Lager ist gespalten, Linke und Christdemokraten scharen sich um EU-Parlamentarier Rosario Crocetta. Und dann ist da noch die „Fünf-Sterne-Bewegung“ des Komikers Beppe Grillo, landesweit in Umfragen inzwischen zweite Kraft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)